Wieso gibt es von Olaf Scholz eine Stasi-Akte und keine von Angela Merkel?

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Liebe Leserinnen und Leser,

seit Jahren wabern Gerüchte durch die sozialen Netzwerke, nach denen die endlich nicht mehr Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR unter „IM Erika“ geführt wurde. Sowas verbreitet sich immer schnell in einer Szene, in denen solche Geschichten gerade passend kommen. Und dann noch dieses Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1972. Die junge Angela Kasner, später Merkel, in Uniform mit Genossinen und Genossen an der Erweiterten Oberschule Hermann Matern. Klarer Fall, oder? Pustekuchen!

Nichts ist klar, denn derartige Übungen, so bestätigen mir Freunde aus Thüringen, waren Pflicht für alle und sagen überhaupt nichts darüber aus, wie linientreu jemand gewesen ist.

Jetzt hat die BILD die Stasi-Akten von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgegraben. Der war in seinen jungen Jahren in Hamburg Beobachtungsobjekt und gleichzeitig als strammer stv. Juso-Bundesvorsitzender gern gesehener Gast beim Meinungsaustausch mit den SED-Genossen in Ost-Berlin.

Als Scholz am 4. Mai 1988 am Berliner Bahnhof Friedrichstraße in die DDR einreiste, hatten die Grenzer dafür zuvor Anweisung von Oben erhalten:

«Erteilung Visa für Berlin, gebührenfrei, Befreiung vom Mindestumtausch, höfliche Abfertigung, ohne Zollkontrolle.»

Das war gar nicht ungewöhnlich, wichtige Gäste der SED-Bonzen wurden regelmäßig so behandelt. Wie Freunde halt, Brüder im sozialistischen Geiste. Also kein Grund, Scholz als Landesverräter zu betrachten, sondern eben nur als…Genossen.

Bei Angela Merkel liegt der Fall vielschichtiger, und Sie wissen, dass ich fernab von Verschwörungsphantasien bin – wenngleich, das will ich klar sagen – es natürlich immer Verschwörungen gegeben hat und heute noch gibt. Aber man muss nicht auf jede Sau aufspringen, die durch die Dörfer unserer Internet-Blasen getrieben werden. Nein, die Reptiloiden haben nicht die Macht im Weißen Haus übernommen, die Amerikaner vergiften uns nicht mit ihren bösen Chemtrails und – glauben Sie es mir – Hillary Clinton handelt nicht mit Kinderpornos in einer Pizzeria in Washington oder sonst wo. Ich werde niemals begreifen, dass es erwachsene Menschen gibt, die derartigen Bullshit wirklich für denkbar und glaubwürdig halten. Ich jedenfalls nicht.

Aber die Karriere von Angela Merkel ist eigentlich auch viel spannender, denn sie spielt im Hier und Jetzt, und eigentlich ist es unmöglich, dass eine Frau mit dieser Sozialisierung, mit einem sozialismusfreundlichen Umfeld, einem roten Elternhaus und Studium in Russland aus dem Nichts kommt und Vorsitzende der rheinisch-katholisch geprägten CDU und dann auch noch Bundeskanzlerin wird. Das ist etwa so wahrscheinlich, als wäre Klaus Kelle aus Bad Salzuflen Mittelstürmer beim FC Bayern oder Peter Altmaier Olympiasieger im Stabhochsprung geworden. Der Unterschied zu uns allen ist aber: Angela Merkel ist es wirklich geworden und hat alles aus dem zerstörerischen Werk herausgeholt, das sie eingefädelt hat.

Nachdem ich das hervorragende Buch von Hinrich Rohbohm „Merkels Maske“ über ihr Leben in der DDR bis zur Wende gelesen habe, war mir klar, dass irgendetwas an Merkels Karriere nicht stimmen kann. Es ist unmöglich, so wie die offizielle Geschichte ist.

Vor drei Jahren beim Treffen meiner alljährlichen Schwarmintelligenz-Vollversammlung in Berlin hatten wir Hubertus Knabe zu Gast, der 17 Jahre lang Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin war und dabei Zugriff auf die Fülle der Stasi-Akten hatte. Das Publikum war begeistert und feierte den Historiker mit Stehenden Ovationen, der durch eine politische Intrige unter Einbeziehung von Politikern der Linken und der CDU kaltgestellt wurde.

Nach der Mittagspause stand ich mit ihm beim Kaffee an einem Stehtisch und fragte direkt, ob er jemals einen Vorgang Merkel, Angela Kasner oder IM Erika zu Gesicht bekommen habe in seinem Job. Und es gab nichts, nicht einen Klebezettel, keine Notiz. Null! „Und sehen Sie, genau das ist das Problem, Herr Kelle“, holte er aus. Merkels Umfeld in der Wendezeit waren Stasi-Leute wie Ibrahim Böhme („IM Alexander“), Wolfgang Schnur („IM Torsten“) und der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière („IM Czerni“). Schnur war damals sogar ein enger Freund der Familie Kasner. Ende 1989 stellte Schnur Angela Merkel zum 1. Februar 1990 als hauptamtliche Mitarbeiterin beim „Demokratischen Aufbruch“ ein und machte sie noch im selben Monat zu seiner Pressesprecherin. In diesem Job habe ich Merkel kennengelernt bei einer Pressekonferenz im „Haus der Demokratie“ an der Friedrichstraße. Sie stand an der Tür mit einer Liste der akkreditierten Journalisten und hakte unsere Namen ab, bevor wir reingehen durften. Irgendwann später war sie die mächtigste Frau der Welt, gekürt vom „Time Magazine“.

Alles ein Zufall? Alles eine ganz normale politische Karriere? Ich glaube das heute nicht mehr.

Nach dem Gespräch mit Hubertus Knabe beim Schwarm in Berlin rief ich am Montagmorgen einen Mann an, mit dem ich gelegentlich Kontakt hatte, und der in der Geheimdienstbranche unterwegs ist. „Kann es sein, dass es heute nach 30 Jahren Einheit noch alte Stasi-Seilschaften in Deutschland gibt, die wirklichen Einfluss auf das Geschehen in unserem Land haben. „Ich glaube das nicht“, antwortete er und nach eine Pause: „…vielleicht noch in Brandenburg.“

Angela Merkel also nur eine erstaunliche Karriere in der Wendezeit? Mein Gesprächspartner am Telefon sagte, er könne das nicht belegen, was er mir jetzt sage, aber für ihn klinge die ganze Geschichte nach einer KGB-Operation. Als man in Moskau etwa ab 1987 gesehen habe, dass der sowjetische Machtblock zusammenbrechen könnte, sei sehr wahrscheinlich, dass man im Falle einer deutschen Wiedervereinigung einige Perspektivkandidaten mit sauberer Vita in den neuen deutschen Staat platziert und dann zugeschaut habe, wohin diese Leute ihren Weg machen. Wenn diese Geschichte stimmt, dann gab es wohl reichlich Akten über Angela Merkel, die im Zuge der Bereinigung von Lebensläufen per Diplomatengepäck vom Chef der DDR-Auslandsspionage, Mischa Wolf, Ende 1989 bei seinen Flügen nach Moskau weggeschafft wurden. Und wenn diese Geschichte wahr wäre, aber nein, das ist ja alles nur wieder eine Verschwörungstheorie….

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.