„Will immer noch siegen“: Was ist Merkels Botschaft beim Großen Zapfenstreich am Donnerstag?

ARCHIV - Zahlreiche Soldaten stehen bei einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Foto: picture alliance / dpa
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von THOMAS PAULWITZ

BERLIN – Seit Helmut Kohl werden auch die Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland mit einem Großen Zapfenstreich aus ihrem Amt verabschiedet. Am nächsten Donnerstag ist Angela Merkel an der Reihe. Ihre Musikauswahl für die bedeutendste Militärzeremonie des Landes lässt tief blicken und gibt Rätsel auf. Kann sie etwa nicht von der Macht lassen?

Dass die Verabschiedung der Vorsitzenden eines Verfassungsorgans diesmal völlig anders sein wird als üblich, liegt bereits daran, dass Impffreie von der Veranstaltung im Verteidigungsministerium ausgeschlossen sein werden. Außerdem wird Merkel die Zeremonie im Sitzen abnehmen. Zu groß ist wohl die Furcht vor einem neuerlichen Zitteranfall bei der deutschen Nationalhymne mit der Botschaft „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Kohl wollte sich als großer Europäer verabschieden

Der Blick soll sich hier jedoch auf die Musikauswahl richten, denn er lohnt sich. Traditionell können sich die Geehrten nämlich wünschen, was das Musikkorps der Bundeswehr in der Serenade spielt. Diese Lieder stellen somit eine Art Bilanz der Regierungszeit dar. Sie rücken noch einmal in den Mittelpunkt, was den Kanzlern wichtig war und was sie als Vermächtnis und Botschaft ihrer Amtszeit sehen.

Als Helmut Kohl am 17. Oktober 1998 vor dem Dom zu Speyer verabschiedet wurde, wünschte er sich „Des Großen Kurfürsten Reitermarsch“, „Nun danket alle Gott“ und die „Ode an die Freude“. Er zeigte damit seinen Respekt vor der preußischen Tradition und vor Gott. „Nun danket alle Gott“ wurde nach der Schlacht bei Leuthen 1757 zu einer preußischen Hymne als Dank für Beistand im Krieg. 1998 stand die Bundeswehr kurz vor ihrem Einsatz im Kosovo. In seiner Rede vor dem Zapfenstreich dankte Kohl der Bundeswehr und hob die Bedeutung der Wehrpflicht hervor. Mit der „Ode an die Freude“, die der neunten Symphonie Ludwig van Beethovens entnommen ist und als Europahymne dient, wollte sich Kohl als großer Europäer von der politischen Bühne verabschieden.

Schröders Botschaft des Selbstmitleids

Sein Nachfolger Gerhard Schröder nahm es mit der Tradition bereits lockerer. Der Russland-Freund gab seinem US-amerikanisch geprägten Musikgeschmack nach und wünschte sich das Jazz-Stück „Summertime“ aus der Gershwin-Oper über die beiden Schwarzen „Porgy and Bess“. Ein Kirchenlied hatte er nicht auf dem Zettel, dafür mit der „Moritat von Mackie Messer“ ein Bänkellied von Bertolt Brecht über einen Messerstecher, der im verborgenen zusticht. Die Frage, ob Schröder damit auf politische Intrigen anspielen wollte, blieb unbeantwortet. Angeblich hatte er die Musikauswahl seiner Frau überlassen. Tränen vergoss er dann schließlich bei dem von Selbstmitleid triefenden Lied „My Way“ in der Version von Frank Sinatra. Anders als Kohl, der eine europäische Botschaft aussandte, enthielt Schröders Botschaft lediglich Schröder selbst.

Merkel: „Ich kann mich nicht fügen, Kann mich nicht begnügen“

Welche Botschaft wird nun Angela Merkel aussenden? Für den Großen Zapfenstreich zu ihrer Verabschiedung als Bundeskanzlerin hat sich Angela Merkel drei Lieder gewünscht: „Für mich sollʼs rote Rosen regnen“, „Großer Gott, wir loben dich“ und „Du hast den Farbfilm vergessen“. Das letztgenannte Lied ist ein Gassenhauer, gesungen von Nina Hagen wurde es auch über die Grenzen der DDR hinaus bekannt, ist aber eindeutig mit dem Lebensgefühl der DDR und dem pommerschen Ostseestrand auf Hiddensee verbunden. So könnte man es als (n)ostalgisches Gedenken mit autobiographischen Bezügen verstehen. Die Uckermark, wo Merkel aufgewachsen ist, liegt nicht weit entfernt.

Von amerikanischer Popkultur ist also keine Spur mehr, und Gott kehrt mit einem Kirchenlied zurück. Das Te Deum „Großer Gott, wir loben dich“ ist freilich nicht mit der preußischen Militärtradition verbunden. Es ist ein inzwischen ökumenisches Lied aus der Feder eines katholischen Priesters (Ignaz Franz), das sich die evangelische Pfarrerstochter da ausgesucht hat. Es trägt die Botschaft, dass Gott in Ewigkeit bleibt. Vor diesem Hintergrund erscheint das menschliche Streben auf Erden klein – ein krasser Gegensatz also zu Schröders ichbezogener Musikwahl.
Das dritte Lied gibt hingegen Rätsel auf. „Für mich sollʼs rote Rosen regnen“, das Hildegard Knef gesungen hat, rückt nämlich im Widerspruch zum Te Deum wieder den auf sich selbst bezogenen Menschen in den Vordergrund. So endet es mit der Feststellung: „Ich kann mich nicht fügen, Kann mich nicht begnügen: Will immer noch siegen. Will alles oder nichts.“ Soll das heißen, dass Merkel auch nach ihrer Entlassung immer noch munter weiterregieren will, dass sie im Hintergrund die politische Entwicklung beeinflussen will?

Bildquelle:

  • Großer Zapfenstreich vor dem Reichstag: dpa
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