Wird Donald Trump 2024 noch einmal antreten? Und wählen sie ihn dann noch einmal?

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Liebe Leserinnen und Leser,

in Amerika passiert gerade etwas ganz Ungewöhnliches, etwas zutiefst Beunruhigendes. Am ersten Jahrestag der Erstürmung des Kapitols in Washington hat Präsident in Biden nicht für möglich gehaltener Art und Weise seinen Amtsvorgänger Donald Trump angegriffen – ohne ihn mit Namen zu nennen, aber unmissverständlich. Trump habe seinerzeit versucht, „die friedliche Machtübergabe zu verhindern“, sagte Biden in einer Ansprache im Kapitol. Trump antwortete direkt darauf und ließ eine Erklärung verbreiten, Amtsinhaber Biden versuche, «das Land weiter zu spalten». Und dann noch: «Dieses politische Theater soll allein von der Tatsache ablenken, dass Biden völlig und total versagt hat.»

Wer die Vereinigten Staaten kennt, der weiß, dass sich hier gerade Gravierendes verändert. Amerikanische Wahlkämpfe waren und sind immer knallhart, viel erbarmungsloser, als das bei uns in Deutschland üblich ist. Da wird in Schlafzimmern die Wäsche durchgewühlt, da werden die Einkommensverhältnisse der Kandidaten ans Tageslicht gezerrt, vor 30 Jahren mal einen Schokoriegel geklaut – die New York Times ist interessiert.

Doch immer war es schon unmittelbar nach einer Wahl dann auch vorbei damit. Der Unterlegene ruft den Gewinner an und gratuliert, und dann sind wieder alle Amerika. Das fand ich immer beeindruckend. Aber es ist vorbei.

Bei einer Schweigeminute gestern für die fünf Todesopfer der Kapitol-Erstürmung waren außer zwei Republikanern – Dick Cheney und seine Tochter – ausschließlich Demokraten anwesend. Die Partei Donald Trumps war praktisch nicht vertreten.

Ich habe in einem Beitrag kurz vor der Präsidentschaftswahl 2020 bekannt, dass ich – wäre ich ein Ami – 2020 Trump gewählt hätte. Weil ich – ungeachtet seiner bisweilen unterirdischen öffentlichen Auftritte – mit den Ergebnissen seiner Politik in den vier Jahren vorher durchaus zufrieden war. Außenpolitisch top, keinen Krieg geführt, was ungewöhnlich für die USA ist. Gute Richter eingesetzt, zum Start die Wirtschaft angekurbelt – Jobs, Jobs, Jobs – die illegale Einwanderung über Mexiko eingeschränkt. Corona-Bekämpfung weniger überzeugend – wankelmütig, kaum durchdacht, aber immerhin hat er dafür gesorgt, dass genügend Impfstoff vorrätig war, als man impfen wollte. In Deutschland wartete man zeitgleich, ob die EU das Problem für uns löst. Die Amis sind da schon anders. America First! Das hat mir sehr gefallen, weil uns das für Deutschland ausgeredet wird seit Jahrzehnten.

Ich würde mir eine Bundesregierung wünschen, die wagt „Deutschland an erster Stelle!“ zu formulieren und unsere ureigendsten Interessen zu formulieren und dann nach diesem Plan zu handeln und zu verhandeln. Aber deutsche Interessen? Pfui, das ist doch voll Nazi, sagt man uns. Und nein, das ist es ganz und gar nicht. Es ist normal, jedenfalls für den ganzen Rest der Welt.

Sie alle werden eine Meinung haben zum Ergebnis der Präsidentschaftswahlen im November 2022. Ich habe als Journalist ernstgenommen, als die ersten Berichte auftauchten, es habe zumindest in einigen Bundesstaaten zahlreiche Unregelmäßigkeiten gegeben. Irgendwo wurden Tage nach Auszählung der Stimmen noch verschlossene Wahlurnen gefunden. Ein Bild rockte Twitter, wo ein republikanischer Wahlbeobachter nicht in ein Wahllokal gelassen wurde. Auch das darf nicht sein, wenn es so war. Aber einer? Bei Hunderttausend Wahllokalen im ganzen Land?

Vorwürfe, dass es Wahlbetrug gab, muss man ernst nehmen. Und wenn ein unterlegener Amtsinhaber diese Vorwürfe erhebt, dann muss man das sogar besonders ernst nehmen. Mehr als 50 Gerichte in mehreren US-Bundestaaten wurden von den Republikanern angerufen, Staatsanwälte und Richter haben die Vorwürfe geprüft, sofern man das konnte, denn oft waren sie unsubstantiiert ohne Fakten. Das haben mehrfach Richter in ihren Urteilsbegründungen bemängelt, dass es nur Behauptungen aber keine Belege gegeben haben soll, die vorgelegt werden konnten. Die Wahlkommissionen der betroffenen Bundestaaten, besetzt oftmals auch mit Parteigängern von Trump, Tausende Bürger, die als Stimmzähler nochmals und nochmals gezählt haben – sie alle haben letztlich gesagt: Ja, Joe Biden hat die Wahl gewonnen.

Und dann reicht irgendwann ein „ja, aber trotzdem…“ einfach nicht mehr aus, um die Zweifel am Leben zu halten. Ich habe die Wahlnacht mit einem meiner besten Freunde live vor der Glotze verbracht, bisschen Bier, american food, Sternenbanner im Wohnzimmer. Und als ich morgens gegen sieben hundemüde ins Bett fiel waren von den noch nicht komplett ausgezählten fünf Staaten in vieren die Republikaner vorn. Aber auch da wurde schon gewarnt von den Analysten, dass Briefwähler der Erfahrung früherer Wahlen nach deutlich mehr zu den Linken neigen.

Also, einen Teil von Ihnen wird meine Betrachtung nicht überzeugen, und das muss sie ja auch nicht. Ich schreibe hier nicht, um Ihnen nach dem Munde zu reden, sondern breite meine Gedanken vor Ihnen aus. Eine Meinung müssen Sie sich selbst bilden.

Und da komme ich nochmal zum Ausgangsgpunkt. Amtsinhaber kritisieren ihre Vorgänger nicht öffentlich, in Amerika nicht, und eigentlich auch bei uns und vielerorts nicht.

Vor Trumps Einzug ins Weiße Haus gehörte es zum guten Ton, dass Amtsinhaber ihre Vorgänger nicht offen kritisierten. Biden, der ja eigentlich zurück zu einer präsidentiellen Amtsführung kommen wollte, holte gestern die große Keule heraus. Trump habe «ein Netz an Lügen über die Wahl 2020» gesponnen und stelle seine Interessen über die der USA. Wörtlich: «Sein angeschlagenes Ego ist ihm wichtiger als unsere Demokratie oder unsere Verfassung. Er kann sich nicht damit abfinden, dass er verloren hat.»

Das gehört sich nicht, finde ich. Und wenn Sie zurecht denken, dass sich vorher auch Trump völlig stillos über Biden – „Sleepy Joe“ – geäußert hatte, dann wäre es erst recht angemessen für den jetzigen Präsidenten, souverän zu bleiben und sich solche Ausfälle zu ersparen.

Donald Trump lässt bis heute offen, ob er bei der Präsidentenwahl 2024 noch einmal antritt. Er kokettiert damit, er tritt bei Veranstaltungen vor jubelnden Mengen auf, er unterstützt Viktor Orban im ungarischen Wahlkampf. Ich halte absolut für möglich, dass „The Donald“ es noch einmal allen zeigen will, wer der Größte ist. Und wenn er antritt, dann bin ich sicher, dass seine Partei ihn nominieren und tragen wird im Wahlkampf. Aber dass eine Mehrheit der Amerikaner ihn dann noch einmal zum Präsidenten wählt – dafür reicht meine Phantasie nicht aus.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

P. S. In der Nacht vor der Präsidentschaftswahl 2016 bin ich abends in der festen Überzeugung schlafen gegangen, dass sie niemals Donald Trump wählen werden…

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.