Zweiter Weihnachtstag? Der langweiligste Tag des Jahres

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Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich so zurückdenke, dann war der zweite Weihnachtstag Zeit meines Lebens meistens der langweiligste Tag des ganzen Jahres.

Persönlich und familiär auf jeden Fall. Heiligabend das große Fest, Geschenke unter dem Weihnachtsbaum, Lichterglanz und „Oh, Du Fröhliche…“, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, die Familie um einen herum. Wer hat da keine Freude daran?

Am ersten Weihnachtstag dann die zweite Runde. Alle Geschenke ausgepackt, die Kinder spielen mit den neuen Sachen, man kocht zusammen, Feinschmecker schauen „Urbi et Orbi“ vom Petersplatz live in der ARD. Wieder Völlerei, dann Besuch bei Onkel Werner und Tante Lieselotte, abends Film gucken – irgendwas mit Julia Roberts – und die letzten Dominosteine einwerfen. Ich habe nur noch drei Rumkugeln, die ich am liebsten jetzt gleich noch schnell essen möchte, bevor dieser Text fertig ist. Weil die so unfassbar gut schmecken und von unserer ältesten Tochter handgefertigt wurden.

Aber dann der zweite Weihnachtstag? Da ist die Luft raus.

Das Aufräumen beginnt, überall liegt noch zerknülltes Geschenkpapier herum, leere Pappkartons. Vielleicht nachher mal einen Spaziergang im Regen, als Konter gegen die 48-stündige Völllerei. Aber richtig was zu tun?

Bei meinem Beruf ist natürlich immer was los. Meine Mutter fragte mich mal, als ich damals in der Ausbildung zum Redakteur war, ob wir denn da „bei der Zeitung“ jeden Tag genug zu schreiben hätten. Und ich konnte sie beruhigen: „Ja, Mama, die Zeitung wird jeden Tag voll – versprochen!“

Aber trotzdem gibt es solche und solche Weihnachten auch für Journalisten.

Am zweiten Weihnachtstag 2004 hörte die globale Familie zum ersten Mal, was ein Tsunami ist. Diesen Begriff kannte davor kaum jemand in unseren Breitengraden. Ein Seebeben der Stärke 9,0 vor der indonesischen Insel Sumatra – 230.000 Tote, darunter 552 Deutsche. Wer erinnert sich noch daran?

Oder am 25. Dezember 1962 – da durchbrachen acht Deutsche aus der DDR in einem mit Stahlplatten gepanzerten Reisebus unter Lebensgefahr die Sperren am Autobahnkontrollpunkt Dreilinden/Drewitz und gelangen so in die Freiheit. Vermutlich hatten sie sich verfahren, weil es ja unter russischer Herrschaft angeblich so viel schöner war als bei uns Sklaven der Amerikaner. Jedenfalls will man mir das heute manchmal weißmachen.

Die Nachrichtenlage an 26. Dezember 2022, also heute, ist – toi, toi, toi – viel entspannter. Unsere Wohnungen sind beheizt, der Freistaat Bayern fordert Mitsprache bei der deutschen Wasserstoffstrategie, CDU-Merz fordert mal wieder „mehr Führungsverantwortung“, meint dabei aber vermutlich nicht seine eigene in der CDU, in Dortmund verfolgt die Polizei einen Flüchtenden und schießt auf ihn, trifft aber nicht. Der Mann wird trotzdem unversehrt kurze Zeit später festgenommen und sitzt jetzt in einer Zelle. Alles gut also, ein ganz langweiliger zweiter Weihnachtstag.

Ich wünsche Ihnen allen, dass das heute und noch ein paar Tage so bleibt. Und machen Sie sich keine Sorgen: Zu Schreiben haben wir immer was.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.