Der Skandal von Attendorn: Warum dauerte es so lange, ein kleines Mädchen zu befreien?

In einem Haus in Attendorn soll ein Mädchen fast sieben Jahre lang festgehalten worden sein. Foto: Markus Klümper/dpa
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ATTENDORN – Ist das in Deutschland wirklich so einfach, ein Kind verschwinden zu lassen? Jahrelang verschwinden zu lassen? Ohne dass irgendjemand etwas unternimmt?

In der Kleinstadt Attendorn (25.000 Einwohner) im Sauerland ist ein heute achtjähriges Mädchen fast sein ganzes Leben eingesperrt worden. Von der eigenen Mutter und mit Wissen der Großeltern. Immer wieder gab es Hinweise an die Behören, doch die versagten ganz offenkundig dabei, das Mädchen zu finden oder wenigstens mit Engagement nach ihr zu suchen.

Die Mutter hatte im Bekanntenkreis herumerzählt, dass sie 2015 mit ihrer Tochter nach Italien ziehen und dort auf Dauer leben werde. Und das reichte aus, dass niemand nachfragte.

Die Stadt Attendorn hatte im Herbst 2020 einen anonymen Brief erhalten, der auf das heute achtjährige Kind hinwies. Der Text war aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus Sicht des Mädchens geschrieben. Das Jugendamt des Kreises Olpe fragte immerhin bei der Krankenkasse nach und erhielt im Oktober 2020 die Mitteilung, dass die Krankenkassenbeiträge für Mutter und Kind weiterhin in Deutschland gezahlt würden, obwohl doch beide seit fünf Jahren angeblich in Italien lebten.

Sechs Wochen später folgte plötzlich ein zweiter anonymer Brief, diesmal angeblich von Freunden, Bekannten und Nachbarn verfasst. Im Herbst 2021 gab es eine weitere Meldung beim Jugendamt mit konkreten Hinweisen. Erst da informierte die Behörde erstmals die Polizei, dass es einen «ominösen» Hinweis auf ein gefangenes Mädchen gebe und bat um eine polizeiliche Hausdurchsuchung. Und die Polizei? Die bat das Jugendamt, selbst mal bei dem Haus in Attendorn vorbeizuschauen. Danach meldete sich das Amt – nach heutigen Informationen – über einen längeren Zeitraum nicht mehr.

Erst am 15. Oktober 2021, ein Jahr nach den mehrfachen Hinweisen, erschinen zwei Mitarbeiter des Amts unangekündigt beim Haus und klingelten. Die Großmutter und der Großvater des Mädchens, die offiziell dort wohnten, öffneten die Tür, ließen das die Mitarbeiter des Jugendamtes nicht herein. Tochter und Enkelin seien nicht da. Da gingen die Mitarbeiter wieder.

Es dauerte fast wieder ein Jahr, und wieder kam der Anstoß von außen, als sich ein Ehepaar beim Amt meldete, das konkrete Hinweise geben konnte, weil es „über Umwege“ von dem gefangen gehaltenen Mädchen erfahren hatte.

Und was unternahm das Jugendamt?

Es fragte – inzwischen war Juni 2022 – in Italien nach, ob Mutter und Tochter wirklich dort lebten. Nach acht Wochen (!) die Antwort: nein, sie leben nichtt am angegebenen Ort in Italien.

Nun, endlich, kam Bewegung in die Sache. Das Jugendamt wurde erneut bei der Polizei vorstellig. Beamte fuhren zum Haus, durften wieder nicht rein. Und dann kam ein Rollkommando stürmte mit richterlichem Beschuss das Gebäude und fand Mutter und Kind in einem gemeinsamen Zimmer schlafend vor. Da war der 23. September 2022. Fast zwei Jahre nach den ersten Hinweisen bei Jugendamt und Polizei.

Erst jetzt kontaktierte das Jugendamt laut den Ermittlungen wieder die Polizei. Die rief mehrere Zeugen an, fuhr an der Adresse vorbei, durfte nicht rein – und stürmte das Haus wenige Tage später mit richterlichem Beschluss. Das war am 23. September.

Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Das Mädchen wirkt normal, kann normal sprechen und war ordentlich angezogen. Nur das Treppensteigen fällt ihr schwer. Gegen Mutter und Großeltern wird ermittelt, aber auch – noch eine gute Nachricht – gegen das Jugendamt. Die Staatsanwaltschaft hat dort inzwischen Akten beschlagnahmt.

Im nordrhein-westfälischen Landtag wurde heute über den Fall debattiert. Knallhart!

Warum wurde nicht überprüft, ob die Mutter mit ihrere Tichter wirklich nach Italien gezogen ist?
Warum kümmere sich das Jugendamt nicht darum, wenn der Vater auch das Sorgerecht für die Kleine hatte, und die Mutter mit Kind einfach das Land verlasse?
Und: Wie ist es erklärbar, dass Polizei und Jugendamtsmitarbeiter vor dem Haus stehen, in dem ein Kind gefangen gehalten sein soll, aber unverrichteter Dinge wieder abziehen?

Und: NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) bekannte im Parlament, sie selbst habe aus den Medien von dem Fall erfahren.

Bildquelle:

  • Attendorn-Fall: dpa
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