9. November 1989: Erinnerungen an eine Nacht wie keine“…und euer Opa war dabei…“

Anzeige

von KLAUS KELLE

BERLIN – Heute vor 32 Jahren ereignete sich in Berlin etwas eigentlich Unvorstellbares, von dem meine Kinder später ihren Kindern erzählen und sagen werden: „…und euer Opa war dabei!“

Ich bin froh, dass sie nicht wie meine Generation die Geschichten vom Krieg, von Bombenalarm und Elend zu hören bekommen werden, sondern etwas Positives, etwas von wahrlich weltgeschichtlicher Dimension.

Am 9. November 1989 fiel nach 28 Jahren schmerzhafzer und leidvoller Teilung die Mauer, der so genannte „Eiserne Vorhang“, und in den Folge bracht der ganze kommunistische Machtbereich in Osteuropa zusammen.

Ich war an dem Abend – jeder weiß noch, wo er damals war, ähnlich wie beim 11. September 2001 – in Berlin, in einem Wirtshaus im Bezirk Neukölln. Dort feierte Uli Schamoni, Boss des ersten Berliner Privatsenders Hundert,6, für den ich als junger Journalist arbeitete, seinen 50. Geburtstag. Es war damals noch das alle Berlin, mit Eberhard Diepgen als Gratulant, Karl Dall und den Schöneberger Sängerknaben bei Schulheiss-Pils vom Fass, wahren Strömen von Champagner und Servierwagen voller Hummer ein, ja, höchst dekadentes Fest. Und ich mittendrin am Redaktionstisch im einzigen Smoking, den ich besaß.

Irgendwann am Abend kam mein Chefredakteur Georg Gafron an den Tisch und sagte zu mir: „Herr Kelle, trommeln Sie die Leute zusammen, die DDR hat gerade die Grenzen geöffnet und die Leute strömen aus dem Ostteil nach West-Berlin“ Ich traute meinen Ohren nicht, aber ich funktionierte, so wie ein Feuerwehrmann, wenn die Sirene heult. Im Taxi zum Sender an der Paulsborner Straße 44 gerast, ohne Pause telefoniert, Reporter, Techniker mussten her, alles, was verfügbar war. Übertragungswagen Marke Renault, Reportagewagen mit – der neueste Schrei – Funktelefonen, so groß und dick wie Coca Cola-Flaschen.

Wenige Stunden zuvor hatte Günter Schabowski, Mitglied im Zentralkomittee der SED, auf einer Pressekonferenz in der Mohrenstraße 36 einen Zettel vorgelesen. Danach hatten die Machthaber in Ost-Berlin beschlossen, dass ab sofort jeder DDR-Deutsche jederzeit ins „westliche Ausland“ ausreisen dürfe. Und auf die Nachfrage eines Reporters, ab wann diese Regelung in Kraft trete, antwortet Schabowski: „Sofort, unverzüglich!“. So war es nicht geplant, aber es löste einen Strom von tausenden Menschen im Ostteil der Stadt aus, die sich an den Grenzübergängen versammelten und endlich raus wollten. Die Grenzer wussten von nichts, waren mit der plötzlichen Dynamik komplett überfordert und öffneten schließlich die Tore.

Ich habe die ganze Nacht mit einem Kopfhörer auf und einem Mikro in der Hand verbracht, erst am Übergang Bernauer Straße, dann am Checkpoint Charlie und zuletzt auf dem Kurfürstendamm inmitten unüberschaubarer Menschenmengen. Bis zu dieser Nacht kannte ich keinen einzigen DDR-Bürger, der dort im anderen Teil lebte. Innerhalb von Stunden kannte ich – gefühlt- alle. So eine ausgelassene Stimmung, Hupkonzerte und die unverkennbaren Zweitakter-Dämpfe der bunten Trabis, wildfremde Menschen, die sich weinend in den Armen lagen. Es war eine Nacht, die keiner jemals vergessen wird, der dabei war oder sogar oben auf die Mauer klettern konnte. Unglaublich, wie wir all das im Alltagsgrau heute negieren, wie wir die vielen guten Dinge schlechtreden, wie manche sogar den Sozialismus wieder toll finden.

Als ich nach Sonnenaufgang total übermüdet zurück in den Sender kam, gab es schwarzen Kaffee aus Hundert,6-Bechern mit dem grünen Wappentier aufgedruckt, weshalb uns Gegner und Fans als den „Froschfunk“ bezeichneten. Ich war total glücklich, voller Eindrücke und Emotionen und Adrenalin ohne Ende, aber es war keine Ruhe. Sage und schreibe 28 Radiostationen aus der ganzen Welt wollten wissen, was in dieser Nacht in Berlin passiert ist. „Herr Kelle, machen Sie das mal“, rief Gafron vor dem Studio zu mir rüber, und so gab ich weitere Stunden geduldig und vielfach live in verbesserungsbedürftigem Englisch Auskunft über das Wunder von Berlin: London, Wien, Johannesburg, USA, Kanada…wie in einem Rausch. Und der hielt Tage und Wochen an.

Bleibt eine noch unbeantwortete Frage: Warum eigentlich immer dieser 9. November? Denn das ist nicht nur der Jahrestag der Maueröffnung und damit der erste Schritt zur Wiedererlangung der Deutschen Einheit. Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstagsgebäudes auch die Republik aus und beendete damit endgültig die Monarchie. Der 9. November 1938 ging als Tag der nationalsozialistischen Pogrome in die Geschichte ein, die sogenannte „Reichskristallnacht“, später „Reichsprogrommnacht“, als die Verfolgung und bevorstehende Vernichtung von Millionen Juden in Deutschland erstmals in Umrissen erkennbar war.

Zwei oder drei Jahre nach dem Mauerfall war ich wieder als Hundert,6-Reporter bei einer Gedenkfeier in Berlin in irgendeiner Gedenkstätte, wo Heinz Galinski sprach, damals Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er, selbst einst Häftling im Vernichtungslager Auschwitz, beschrieb, wie jeder an diesem Tag sehen konnte, dass die Synagogen brannten, jüdische Geschäfte geplündert wurden. Und dennoch ging das Leben für alle anderen am tag darauf normal weiter, abends waren die Ballhäuser und Varietes in Berlin voll wie immer… Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich an Galinskis Rede damals denke.

Der 9. November ist in unserer deutschen Geschichte ein ganz besonderer Tag, warum auch immer. Aber er ist es wert, in seiner Gesamtheit betrachtet zu werden, wenngleich für mich persönlich die Erinnerung an 1989 und die Freude über die Deutsche Einheit heute im Vordergrund steht.

Bildquelle:

  • Mauerfall_1989_Berlin: dpa
Anzeige

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.