DUBAI – Sie alle kennen die Bilder vom majestätischen Burj Khalifa und den künstlichen Inselwelten des reichen Emirats Dubai. In Dubai ist es schön und warm, Privatpersonen müssen keine Einkommensteuer zahlen, kassieren Gehalt brutto wie netto. Vier Millionen Menschen leben dort wie im Paradies, nur zehn Prozent der Einwohner sind Emiratis, die anderen sind Europäer oder aus asiatischen Tigerstaaten und Indien. Die Stadt hat eine fantastisch moderne Infrastruktur, erstklassige Schulen und ein breites Freizeitangebot. Wer investiert und ein „Golden Visa“ der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) besitzt, kann mindestens zehn Jahre hier bleiben, und es ermöglicht Ausländern, zu leben, zu studieren, zu investieren und gute Geschäfte zu machen.
Kein Wunder, dass Dubai der Sehnsuchts- und Zufluchtsort für Menschen mit viel Geld ist.
Und das sind nicht immer nur die ehrlichsten. Denn es ist geradezu verrückt, dass hier, wo es eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt gibt, besonders viele Schwerkriminelle ihren Rückzugsort gefunden haben. Denn Dubai war viele Jahre nicht nur ein Magnet für Influencer und Investoren, sondern auch das sicherste Versteck der Welt für jene, die Milliarden am Gesetz vorbeigeschleust haben. Und genau dagegen kämpft das Emirat inzwischen mit harten Bandagen an.
Das Erbe von Ruja Ignatova: Penthouses voller Bargeld
Die Jagd auf die bis heute meistgesuchte Frau der Welt begann mit dem Kollaps von OneCoin, einem Betrugssystem, das schätzungsweise vier Milliarden Euro verschlang. Die gebürtige Bulgarin Ignatova, die auch jahrelang in Deutschland, im beschaulichen Schramberg im Schwarzwald, lebte, war keine gewöhnliche Betrügerin; sie war eine Meisterin der Täuschung, die Dubai wie einen großen persönlichen Tresor nutzte. Die Ermittler aus aller Welt setzten nach und nach ein wirklich irres Dossier über die Frau zusammen: In ihren Luxusimmobilien in Dubai, darunter ein prunkvolles Penthouse im Wert von über 13 Millionen Dollar, befanden sich Tresore, die mit Bargeld und Goldbarren vollgestopft waren. Und das mit einem Steuersystem, in dem wenig nachgefragt wird, und einem Immobilienmarkt, der anonyme Investitionen über Offshore-Firmen nicht nur duldet, sondern fördert.
Während das FBI Ignatova („Dr. Ruja“) 2017 auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher setzte, blieb ihr Besitz in den Emiraten lange unangetastet. Erst durch den massiven Druck des amerikanischen FBI und der Staatsanwaltschaft in Bielefeld begannen die emiratischen Polizeibehörden, ihre Konten einzufrieren. Für die meisten der ausgenommenen Anlageopfer bei der angeblich hippen neuen Kryptowährung OneCoin kam das allerdings zu spät. Mindestens 1,8 Milliarden Euro sind weg, manche sprechen von vier oder sogar 15 Milliarden. Ob Ignatova überhaupt noch lebt, ist übrigens nicht sicher. Aber das ist eine andere Geschichte, mit der sich Geheimdienste befassen.
Die „Kryptoqueen“ Ruja Ignatova jedenfalls ist kein Einzelfall
Dubai hat sich längst über viele Jahre zu einem Ökosystem für das globale organisierte Verbrechen entwickelt. Einer der prominentesten Namen, die dort jahrelang als „unantastbar“ galten, ist Daniel Kinahan.
Der Kopf des irischen Kinahan-Kartells steuerte von seiner Basis in Dubai aus einen Drogenkrieg, der Europa erschütterte, während er sich gleichzeitig als seriöser Box-Promoter inszenierte. Bis heute gibt es Berichte, dass Mitglieder seines inneren Zirkels trotz US-Sanktionen und eines Fünf-Millionen-Dollar-Kopfgeldes in der Anonymität gut gesicherter Communities dort unbehelligt und gut leben.
Ähnlich verhielt es sich mit der italienischen Camorra. Raffaele Imperiale, einer der größten Kokainhändler der Welt, residierte im Burj Al Arab und kaufte für seine private Sammlung wertvolle Van-Gogh-Gemälde, während er den europäischen Markt mit Drogen überschwemmte. Auch die „Mocro Maffia“ aus den Niederlanden, angeführt von Ridouan Taghi, nutzte Dubai als Kommandozentrale für Attentate und Schmuggeloperationen. Es gäbe noch viel darüber zu erzählen, auch vom Wirecard-Betrüger Jan Marsalek aus Wien, der heute sein Leben in Moskau unter dem Schutz des KGB-Nachfolgers FSB fristet, aber immer wieder gern Zeit in Dubai verbringt, obwohl auch er weltweit gesucht wird.
Warum Verbrecher Dubai lieben
Das Hawala-System und der Goldhandel ermöglichten es, Milliarden zu bewegen, ohne dabei digitale Spuren zu hinterlassen. Und wer in Dubai eine Villa kaufte, musste früher selten belegen, woher das Geld stammte. Immobilien waren die ultimative Form der Geldwäsche. Dazu kommt, dass die Komplexität der emiratischen Justiz und das Fehlen von Auslieferungsabkommen mit vielen westlichen Staaten die Verhaftung eines Ausländers zu einer heiklen diplomatischen Angelegenheit machen können.
Langsam dreht sich der Wind
Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hat längst erkannt, dass der Status als „Geldwäsche-Paradies“ die langfristigen Ambitionen, ein seriöser globaler Finanzknotenpunkt zu sein, gefährdet.
Unter dem Druck der Financial Action Task Force (FATF) hat Dubai drastische Maßnahmen ergriffen. Die Zusammenarbeit mit westlichen Diensten wie dem FBI, dem deutschen BKA und Europol wurde ausgebaut, ja auf ein historisches Niveau gehoben. In Dubai sind heute Verbindungsbüros des FBI und des BKA aktiv. Operationen wie die Festnahme von Ridouan Taghi oder die Auslieferung von Raffaele Imperiale sendeten ein deutliches Signal in alle Welt, dass die Zeit der ungestörten kriminellen Machenschaften vorbei ist.
So müssen Immobilienmakler in Dubai inzwischen jede Transaktion, die mit Kryptowährungen oder großen Mengen Bargeld getätigt wird, an die Zentralbank melden. Die Anonymität, von der auch „Dr. Ruja“ Ignatova profitierte, ist weitgehend abgeschafft. Ein neues, KI-gestütztes Überwachungssystem der emiratischen Zentralbank scannt Transaktionen in Echtzeit auf Muster von Geldwäsche.
Dubai hat glaubhaft eine neue Ära eingeleitet und will sein altes Image ablegen. Das Risiko für internationale Verbrecher, in Dubai verhaftet zu werden, ist deutlich gestiegen.
Ob „Kryptoqueen“ Ruja Ignatova jemals gefunden wird, bleibt ungewiss. Sollte sie aber eines Tages mit Koffern voller Schwarzgeld in Dubai landen, findet sie keine offenen Arme mehr. Im neuen Dubai klicken dann Handschellen für Leute wie sie …
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