von KLAUS KELLE
BERLIN – Deutschland geht mal wieder unter. Ist ja jeden Tag irgendwas, was uns alle dieses Mal, jetzt aber echt, in den Abgrund stürzt.
Viele werden sich noch erinnern an das Jahr 2008 und die internationale Immobilienkrise im Zusammenhang mit dem amerikanischen Bankhaus Goldman Sachs. Was haben uns damals die Experten in Deutschland mit Alarmismus und dunklen Prophezeiungen überschwemmt. Der Euro werde in wenigen Wochen abgeschafft, freitagnachmittags führen angeblich bereits Geldtransporter durch Deutschland, um den Bankfilialen frisch gedruckte D-Mark-Scheine zu liefern.
Erinnern Sie sich noch?
Ganz ehrlich: Als ich heute Morgen Brötchen beim Bäcker gekauft habe, da nahmen die doch tatsächlich meinen Zehn-Euro-Schein noch an und gaben mir die Laugenstangen und Croissants anstandslos. Ich bin sicher, dass das auch dauerhaft so bleiben wird.
Heute Morgen dann das nächste Thema. Ich bekomme ständig Links und teilweise wirklich dümmliche bunte und grelle Kacheln zugesandt, dass jetzt der finale Blackout komme. Nicht beim Strom ausnahmsweise, sondern jetzt bei der Gasversorgung für private Haushalte und Industrie.
Nur noch 5 Prozent Erdgas seien in den deutschen Speichern, jetzt drohe aber wirklich der Untergang, so las ich vorhin. Nur noch 5 Prozent seien drin, es werde sehr kalt (oft begleitet mit dem dezenten Hinweis, dass nur noch Putin helfen könne, sonst müssten wir alle erfrieren). Da habe ich als Journalist gedacht, mache ich mal einen „Faktencheck“.
Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher pendelt im Moment zwischen 27 und 28 Prozent. Das ist nicht gut, es ist sogar ein historischer Tiefststand für diesen Zeitpunkt im Jahr und weit unter den Werten, die wir aus den Vorjahren kennen.
Und dennoch werden wir auch in den nächsten Tagen, Wochen und dann im Frühling nicht in kalten Wohnungen sitzen. Weil wir Deutschland sind, das Energiesystem deutlich verändert wurde in den vergangenen vier Jahren und all die Horrorszenarien, die gerade mal wieder von politisch interessierter Seite als Sau durchs Dorf getrieben werden, keiner sachlichen Prüfung standhalten.
Dabei verstehe ich natürlich die Grundangst in Teilen der Bevölkerung, denn zumindest bei der Stromversorgung haben wir zuletzt in Deutschland mehrfach massive Ausfälle erleben müssen. Oft hing es mit anhaltnder Kälte zusammen. Dadurch fielen immer mal wieder zum Beispiel die lokalen Verteilnetze aus, wenn übermäßig viele Haushalte gleichzeitig elektrische Heizgeräte nutzten. Sollte nicht passieren, ist aber auch keine Katastrophe.
Oder nehmen Sie die Anschläge linksextremer Idioten im September vergangenen Jahres und dann Anfang Januar in Berlin, wo zehntausende Haushalte im Kalten und Dunkeln saßen und die Behörden auf so etwas nicht vorbereitet waren.
Aber das war sozusagen hausgemacht.
Aber es war kein systemischer Fehler.
Und durch das Internet verbreiten sich Warnungen vor der Apokalypse mit bunten Kacheln wesentlich schneller als die nüchternen Fakten der Bundesnetzagentur. Diese Dynamik erzeugt eine gefühlte Wahrheit, die mit der physikalischen Realität unserer Netze nur wenig zu tun hat.
Aber bleiben wir noch kurz bei der Frage nach dem Warum?
Im Sommer 2025 waren die Gaspreise ungewöhnlich hoch, was viele Händler dazu brachte, weniger Gas teuer einzukaufen, um es dann in Speichern zu lagern. Marktwirtschaft und so…
Dann gab es aber auch noch den knackigen Kälteeinbruch im Januar, der dazu führte, die Reserven schneller abfließen zu lassen, als eigentlich geplant. Während das in früheren Zeiten tatsächlich ein Grund zur Panik gewesen wäre, ist es heute überhaupt kein Problem mehr, weil vor allem die Infrastruktur für Flüssigerdgas (LNG) an den deutschen Küsten erheblich ausgebaut wurde. Mehrere schwimmende und feste Terminals sind mittlerweile in Betrieb. Erdgas fließt kontinuierlich über die Weltmeere und die Pipelines aus Norwegen direkt ins deutsche Netz. Die Speicher sind heute eine Art „Backup“, sozusagen eine Überlebensgarantie, ein Puffer für extreme Tagesspitzen. Doch solange der Nachschub über See und Pipelines funktioniert, sind auch Speichermengen unter 20 Prozent kein Problem.
Das europäische Stromverbundnetz ist eines der sichersten der Welt. Wenn in Deutschland weniger Gas zur Stromerzeugung zur Verfügung steht, können Stromimporte aus den Nachbarländern – sei es Kernkraft aus Frankreich, Wasserkraft aus den Alpen oder Windstrom aus Dänemark – die Lücke sofort füllen. Und wenn es mal ganz dicke kommt, dann gibt es einen Notfallplan für Extremlagen. Bevor Sie zu Hause im Dunkeln sitzen und die Heizung kalt wird, werden sogar große Industriebetriebe gegen Entschädigung vorübergehend vom Netz genommen. Dieser „Lastabwurf“ ist ein kontrollierter Prozess, der die Stabilität des Gesamtnetzes schützt und einen unkontrollierten Blackout verhindert.
In Deutschland gibt es nämlich den sogenannten „geschützten Kunden“. Dazu gehören private Haushalte, Krankenhäuser, Pflegeheime und soziale Einrichtungen. Selbst in einer extremen Gasmangellage – die derzeit nicht einmal annähernd in Sicht ist – müssten erst fast alle Industriebetriebe ihre Produktion drosseln, bevor die Gaszufuhr zu den Wohnungen gekürzt würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in unseren Wohnzimmern frieren müssen, während gleichzeitig noch irgendwo ein Stahlwerk läuft, ist gleich null.
Das wird die Alarmisten unserer Zeit alles überhaupt nicht beruhigen. Schließlich könnte ja Russland die Pipelines aus Norwegen sprengen und russische Kampfflugzeuge die LNG-Terminal bombardieren. Zugegeben, das wäre ein großes Problem. Ganz sicher allerdings auch kurz darauf für Russland.
So, und jetzt schauen wir mal, was uns morgen wieder ganz sicher in den Untergrund stürzt..
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