BERLIN – Wir wissen noch nicht, wie es ausgehen wird, aber mir scheint die Bahnchefin Evelyn Palla ein Glücksfall zu sein – für den maroden Staatskonzern und vielleicht für Deutschland insgesamt.
Denn Frau Palla ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was unserem Land seit Jahren fehlt: eine grundlegende Analyse ohne (politische) Scheuklappen, eine Diagnose, was zu tun ist, und dann – auch mit harten Einschnitten – konsequent die Therapie umzusetzen und den Laden auf Vordermann zu bringen.
Wo gibt es das heute noch in Deutschland?
In der Politik ganz sicher nicht. Oder haben Sie nach Wahlen mal erlebt, dass die Verlierer sich einer offenen und schonungslosen Analyse stellen?
Da werden Papiere geschrieben und demografische Tabellen angelegt, es gibt eine kurze Zusammenfassung im Präsidium und dann weiter auf der Tagesordnung.
Deutschland steckt vielleicht in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Nicht, weil die Menschen nichts mehr zu essen hätten, auf ärztliche Versorgung oder sogar Urlaub auf „Malle“ verzichten müssten. Irgendwie funktioniert ja noch alles. Aber niemand mit Entscheidungskompetenz beschäftigt sich grundlegend und ohne Parteibrille damit, was warum hierzulande schiefläuft und wie es so kommen konnte.
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Die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat nach eineinhalb Jahren so abgewirtschaftet, dass es atemberaubend ist, als (Wahl-)Bürger dem Verfall auch nur zuzuschauen.
Statt einer Generalüberholung hoffte man, alle Probleme mit Unmengen Geld aus sogenannten „Sondervermögen“ zudecken zu können. Man hofft, dass durch ein Wunder übernächste Generationen noch in einem Deutschland leben, in dem sie diese Schulden zurückzahlen können, die eine vollkommen überforderte Politikergeneration rausgeblasen hat.
Doch zurück zur Deutschen Bahn
Evelyn Palla kam im Herbst 2025 an die Spitze der Deutschen Bahn. Der langjährige Vorgänger Richard Lutz wurde im Spätsommer 2025 wegen anhaltender Milliardenverluste, desolater Pünktlichkeitswerte und wachsender Frustration in der Bevölkerung entlassen.
Jeder von Ihnen kann Geschichten erzählen über ausgefallene Züge, verkaufte Sitzplatztickets für ICE-Waggons, die gar nicht existieren, und – der Klassiker – ausgefallene und verspätete Züge mit dem anschließenden Nichterreichen von Anschlusszügen.
Ich selbst habe vor zwei Jahren meine Bahncard auslaufen lassen und bin seitdem nicht mehr mit Regional- und Fernzügen der Deutschen Bahn gefahren, nachdem ich so eine Horrorfahrt von Baden-Baden nach Berlin mit stundenlanger Verspätung erleben musste. Und seitdem bin ich nicht mehr mit der DB gefahren (mit U- und S-Bahnen in der City natürlich)
Aber der gerade von Merz geschasste Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte den richtigen Riecher, als er den Platz auf der Kommandobrücke des leckgeschlagenen Dickschiffs DB mit Evelyn Palla besetzte.
Die hatte nämlich, während der Gesamtkonzern tief in den roten Zahlen steckte, als Chefin der Regionalverkehrssparte (DB Regio) im ersten Halbjahr 2025 gegen den Trend 103 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet und gezeigt, wie man profitabel wirtschaftet.
Palla macht ihrem Ruf als knallharte Saniererin alle Ehre
Betriebswirtschaftslehre an der renommierten Wirtschaftsuniversität Wien, Infineon Technologies, dann für die E.ON AG acht Jahre lang als internationale Führungskraft in wettbewerbsintensiven Energiemärkten wie München und Mailand. Danach Vorstand der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und schließlich ab 2019 bei der Deutschen Bahn.
Womit sie viel Sympathie bei ihren Mitarbeitern gewonnen hat: Frau Palla ist nicht nur die Chefin im maßgeschneiderten Business-Kostüm, sie besitzt tatsächlich einen offiziellen Lokomotiv-Führerschein.
Der Legende nach hat sie selbst mehrfach aktiv im Zugbetrieb ausgeholfen. So einer Frau hört man zu in der Belegschaft und bei den Gewerkschaften. Palla gilt als eine, die aufräumt und vor unbequemen Wahrheiten keinen Millimeter zurückschreckt.
Im Interview mit der „Welt am Sonntag“ (WamS) kritisiert sie heute die Führungskräfte der Deutschen Bahn mit ungewöhnlich scharfen Worten. Zu oft sei Verantwortung im Konzern hin- und hergeschoben worden zwischen zentraler Verwaltung und operativer Ebene vor Ort. Palla: „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit.“ Und: „Pünktlichkeit beginnt mit einer klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle“, sagte die Bahnchefin.
Die „Leistungskultur der Vergangenheit“ sei für die Performance der Bahn nicht ausreichend. Und das müsse geändert werden.
Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren nur 58,7 Prozent der Fernzüge der Deutschen Bahn pünktlich. „Das ist kein guter Wert. Da müssen wir auch nichts beschönigen“, sagte Palla, die eigentlich ein Pünktlichkeitsziel von 60 Prozent für das laufende Jahr angegeben hatte. In drei Vierteln der Fälle hätten die Verspätungen aber unter 15 Minuten gelegen. „Auch wenn wir insgesamt noch nicht zufrieden sind, dürfen wir die Deutsche Bahn nicht immer schlechter reden, als sie ist.“
Der Berg an Aufgaben und die Masse der Stellschrauben, die neu justiert werden müssen, scheinen erdrückend
Denn: „Die Bahn steckt in der schwersten Krise ihrer Unternehmensgeschichte.“ Palla will das marode Schienennetz in den nächsten zehn Jahren sanieren, die Bahn pünktlicher und profitabler machen. Das alles werde nicht schnell gehen, bekennt die gebürtige Südtirolerin. Und verspricht: „2035 feiert die Bahn ihr 200-jähriges Jubiläum, und das soll auch das Jahr sein, in dem wir das Gröbste hinter uns haben.“