Am Vormittag das Urteil: Ich will nicht, dass Boris Becker einfährt…

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Liebe Leserinnen und Leser,

an einem Juli-Tag im Jahr 1985 begriff ich als damals 24-Jähriger, dass es wohl noch eine zweite Sportart neben dem Fußball geben müsse. Denn am 7. Juli überschlugen sich die Medien in Deutschland und auf der ganzen Welt. Ein 17-jähriger Lausbub aus einem Kaff namens Leimen in der Nähe von Heidelberg hatte das wichtigste Tennisturnier der Welt gewonnen: Wimbledon. Und nicht nur einfach eine Trophäe gewonnen, sondern die Herzen einer ganzen Generation in Deutschland.

Der noble Elitensport war plötzlich in, weil unser Boris auf dem Centre Court Sachen aufstellte, die man vorher so noch nicht gesehen hatte. Und sein Lachen – unglaublich sympathisch dieser Junge, der Liebling einer Nation. Dem sollte bald darauf sogar noch ähnlich eine Tennis-Ikone namens Steffi Graf aus Mannheim erwachsen. Wieder Baden-Württemberg – irgendwas stimmt mit denen nicht da im Südwesten. Vielleicht liegt es am Grauburgunder. Aber das ist eine andere Geschichte, denn der Grund, warum ich Ihnen das heute erzähle, ist eine echte Tragödie.

Gleich, am Vormittag nämlich, wird die ehrenwerte Richterin Deborah Taylor am Southwark Crown Court das Strafmaß im Prozess gegen unseren Boris wegen Insolvenzverschleppung verkünden. Und viele Beobachter sind sich einig: Das wird vermutlich nicht gut ausgehen für unser einstiges Tennisidol. Gut möglich, dass er ab heute Nachmittag in eine Gefängniszelle einziehen muss, vielleicht für Jahre.

Am 8. April hatten die Geschworenen Becker in vier von 24 Anklagepunkten für schuldig erklärt. Also 20 Mal unschuldig, vier Mal schuldig. Nur, so ein Strafprozess ist eben kein Tennismatch und der Southwark Crowm Cort ist kein…ja, ist kein Centre Court.

Muss einer der größten deutschen Sporthelden aller Zeiten ins Gefängnis?

Weshalb man ihn schuldig gesprochen hat im Prozess wegen Insolvenzverschleppung, das hat die immer bestens informierte SPORT BILD aufgeschrieben. Ich zitiere:

„Zwischen dem 22. Juni und 28. September 2017 tätigte Becker neun Überweisungen in Höhe von insgesamt 426.930,90 Euro für berufliche und private Zwecke – das hätte er nach seiner Bankrotterklärung vom 21. Juni 2017 nicht tun dürfen. Unter anderem ging Geld an Beckers Ex-Frauen Lilly und Barbara Becker. Außerdem habe Becker der englischen Insolvenzbehörde eine Immobilie – sein Elternhaus in Leimen – verheimlicht. Genauso soll er ein Darlehen von 825.000 Euro einer Liechtensteiner Bank auf das Haus in Leimen verschwiegen haben. Dazu soll Becker 75.000 Aktien der Firma Breaking Data-Corp nicht angegeben haben.“

Bei diesen Summen…das klingt nicht gut. Aber ich bin kein Kaffeesatzleser, und ich habe nur vier Semester Jura auf dem Buckel, muss mich also an andere Experten halten, die so wirr argumentieren, dass zwischen drei Jahren Haft, zwölf Monaten und eine Bewährungsstrafe und mit strengem Blick und erhobenen Zeigefinger der ehrenwerten Deborah Taylor alles möglich scheint.

„Es wird eng für ihn“, zitiert die SPORT BILD den Promi-Anwalt Paul Vogel, ein Experte für britisches Strafrecht. „Vergleicht man die Lage mit ähnlichen Fällen, spricht viel dafür, dass das Gericht eine Haftstrafe anordnet, die Boris Becker auch absitzen muss.“

Sie wissen, dass ich unbedingt ein Verfechter des Rechtsstaates bin. Ein Law-and-Order-Publizist sozusagen. Und wer sich schuldig macht, muss vor Gericht, hat Anspruch auf ein faires Verfahren und wenn er oder sie schuldig gesprochen werden, dann ist es halt so. Und das gilt für ausnahmslos jeden, der unserer westlichen und freiheitlichen Gerichtsbarkeit unterworfen ist.

Aber ich möchte nicht, dass er einfahren muss. Nicht unser Boris, nicht Bobbele, der badische Lausbub! Ein Held für Millionen – im doppelten Wortsinn.

Bei Promis vor Gericht stört mich nicht, dass sie da stehen, sondern wie Medien und Öffentlichkeit mit ihnen umgehen – besonders hierzulande. Gerade in einer von Neid zerfressenen Grundhaltung eines Teils der Bevölkerung, die jedem Reichen und Erfolgreichen die Pest an den Hals wünschen. Unglaublich, wie leicht solch ein Hass, ein Furor Teutonicus, auszulösen ist, wenn es gegen „die da Oben“ geht.

Hatte die deutsche Öffentlichkeit wirklich einen Anspruch darauf, die Steuererklärung vom früheren Bayern-Boss Uli Hoeneß zu lesen? Weil er reich und erfolgreich ist, auch noch aus Bayern stammt? Weil er Chef von dem Club war, der uns andere Fußballfans und unsere Vereine mit schöner Regelmäßigkeit demütigt bis heute? Dafür in den Knast? Hängt ihn auf? Widerlich.

Und es geht ja weiter. Denken Sie an den früheren Post-Chef Zumwinkel, bei dessen Hausdurchsuchung WDR und RTL live vor dem Privathaus dabei waren. Oder denken Sie an den großartigen Wettererklärer Jörg Kachelmann, wie er zum – fotografischen – Abschuss vorgeführt wird wie früher die am Pranger. Einer gaffenden Meute zum Fraß vorgeworfen. Und dann unschuldig, aber das Leben ein Stück weit ruiniert. Durch falsche Beschuldigungen einer Frau. Wäre auch mal ein Thema für hier. Was sind das für Menschen, die jeden Erfolgreichen aus tiefstem Herzen hassen, die andere straucheln sehen und bei der persönlichen Vernichtung eines einstigen Idols live dabei sein wollen?

Wie wird man so von Neid zerfressen, was passiert da im Kopf dieser Leute? Erinnern Sie sich noch an den blanken Hass gegen Dietmar Hopp, Mitbegründer von SAP und einer der reichsten Deutschen? Ein Mäzen, der ein Drittel seines Vermögens in eine Stiftung einbezahlt hat, die richtig viel Gutes tut – für die ganze Region, Sozialprojekte, Bildung und den Breitensport fördert. 800 Millionen hat er inzwischen für unser Gemeinwesen rausgehauen. Ein echter deutscher Held, dem unfassbarer Hass entgegenschlug, nachdem er gewagt hatte, mit seinem Geld den Provinzverein TSG Hoffenheim zum Erstligaclub zu etablieren. Morddrohungen soll es gegeben haben, die ekelhaften Schmähgesänge von damals will ich hier gar nicht zitieren. Oder nehmen Sie jetzt gerade den großartigen Elon Musk, der das Sonnensystem besiedeln will und nebenbei mal eben Twitter für 44 Milliarden Dollar kauft. Alle sind misstrauisch, alle befürchten nur das Schlimmste und unterstellen böse Absichten, anstatt froh zu sein, dass es solche Typen gibt, die unsere Welt voranbringen.

Nein, ich will nicht, dass Boris Becker nachher mit einer Sporttasche, in der Zahnbürste, Unterwäsche, und ein paar T-Shirts verstaut sind, in einem vergitterten Fahrzeug zum Antritt seiner Haftstrafe gefahren wird. Ich will es einfach nicht, aber passieren kann es leider dennoch.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.