Auch mal schön: Drei Stunden raus aus der real existierenden Welt

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Liebe Leserinnen und Leser,

wussten Sie, dass die Auswahl der Tabakblätter für die Produktion von Zigarren auf Kuba ausschließlich von Frauen gemacht wird? Also, ganz ohne Quote. Weil Frauen mit bloßem Auge bis zu 60 Farbschattierungen auf den Blättern erkennen, was Männer nicht einmal ansatzweise können.

Das und vieles andere habe ich gestern Abend in Düsseldorf gelernt, wo einem Kreis interessierter Männer (ausschließlich) zwei Zigarren vorgestellt wurden, begleitend dazu gab es einen wunderbaren Whiskey. Und bevor mir einige von Ihnen sorgenvolle Nachrichten schreiben, weil ich dieses intensive „Herz-Event“ (O-Ton mein Kardiologe) im Januar 2016 hatte, möchte ich Ihnen versichern, dass ich es ganz sicher nicht übertreibe, weder mit Whiskey (ein Glas im Quartal) noch mit Zigarren. Zigaretten habe ich nie geraucht, Zigarillos schon vor dem „Event“, aber meinen Zigarren- und Alkoholkonsum hebe ich seit damals wirklich minimiert. Doch hin und wieder eine Havanna mit Freunden und ein anregendes Gespräch, das empfinde ich absolut als Lebensqualität.

Und so war das gestern Abend, keinen einzigen der anderen Herren kannte ich vorher, und nach 20 Minuten „Warming Up“ waren wir, wie man in Arabien sagen würde, alle Cousins…

Da wurde über Tabaksorten und Marken gefachsimpelt, von denen ich nie zuvor gehört habe. Es wurde abgelästert über den Zigarren-Geschmack der Amis und mein Freund Marco Billic im kroatischen Split wurde als bester Veranstalter von Zigarrenevents weltweit gepriesen, immer guter Laune, immer unter Strom. Wie wird eine Zigarre frisch von Hand gerollt, wie dick muss das oberste Blatt sein, welche Farbe muss es haben, welchen Sorten sollte man besser „aged“ rauchen, zwei, drei Jahre im Humidor, nachdem sie produziert wurden. Und warum gibt es einige kubanische Zigarren in Deutschland überhaupt nicht mehr zu kaufen?

Ich möchte nicht werben fürs Zigarrenrauchen, aber ich möchte Ihnen von der Leidenschaft erzählen, mit der vorwiegend Männer Zigarren rauchen. Einer zeigte auf seinem Smartphone ein Selfie, wo er mal eine Zigarre fast durchgeraucht hat, ohne ein einziges Mal die Asche abzustreifen.

Und während mein Smartphone unablässig Nachrichten „ausspuckte“ über den Kriegsverlauf in der Ukraine, die Energiepreise, Frau Baerbock und die Festnahme eines jungen IS-Nachwuchsterroristen, fiel mir auf, dass das alles außer mir niemanden dort irgendwie zu interessieren schien. Manchmal denke ich, dass es in Deutschland niemanden mehr gibt, der oder die noch irgendeine Hoffnung in die Politik setzt. Wir können es eh nicht ändern, ist so die resignative Grundstimmung, die ich schon seit längerer Zeit überall wahrnehme. Scholz redet vor der UN-Vollversammlung, in Niedersachsen ist Landtagswahl…wen interessiert das wirklich? Sie? Mich?

Zugegeben, Zigarren rauchen und Fußball gucken ist auch keine Lösung, aber wesentlich amüsanter als Frau Lambrecht in den ARD-Tagesthemen zuzuhören. Nur, und ich frage Sie nicht zum ersten Mal: Was machen Menschen, die so ticken wie Sie und ich?

Eine friedvolle Nacht wünsche ich uns allen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.