Die Besatzer im Osten der Ukraine beginnen heute ihr groteskes Theater

Menschen gehen in der von Russland unterstützten und von Separatisten kontrollierten Volksrepublik Luhansk in der Ostukraine an einem Plakat mit der Aufschrift «Unsere Wahl - Russland» vorbei. Foto: Uncredited/AP/dpa
Anzeige

von KLAUS KELLE

LUHANSK/DONEZK – Stellen Sie sich vor, Sie haben Streit mit ihren Nachbarn! Sagen wir, weil die Äste der Büsche an der Grundstücksgrenze durch den Gartenzaun wachsen und 40 cm aufs eigene „Gebiet“ im Osten Ihrer Rasenfläche ragen. Und obwohl sie immer wieder gewarnt haben, dass das nicht gut ausgehen wird, und obwohl ein Cousin mal bei einer Geburtstagsfeier – damals noch gemeinsam – vor versammelter Mannschaft gesagt hat, dass Sträucher und Zäune nicht so wichtig sind, werden sie langsam sauer und überlegen, ob es nicht viel schöner wäre, wenn – in Ihrem Eigentum – beide Grundstücke zusammengelegt würden.

So weit kommt Ihnen das wahrscheinlich bekannt vor

Sie trommeln also alle Onkel, Stiefbrüder, Cousins und Geschwister zusammen, nur eine Gartenparty natürlich, reißen dann den Gartenzaun nieder, brechen ins Nachbarhaus ein, schlagen die Einrichtung in Trümmern, foltern und erschießen den Hausherren und seine Söhne, vergewaltigen die Gattin des Verstorbenen und seine Töchter, tragen Kühlschränke und Flachbildschirme raus und rüber in Ihre Bude. Den Überlebenden halten Sie eine Knarre an den Kopf, legen den Übertragungsvertrag für Grundstück und Haus an Sie selber vor und lassen die verbleibenden Nachbarn dann demokratisch entscheiden, ob Sie rechts unten vielleicht unterschreiben möchten. Freie Entscheidung natürlich.

Genau das passiert gerade im Südosten der von russischen Soldaten besetzten Ukraine

Man hätte in den Gebieten im Donbass und Luhansk schon früher die überwiegend russischstämmige Bevölkerung fragen sollen, ob sie zur Russischen Föderation oder zur Ukraine gehören wollen. Ich bin sicher, damals hätte sich eine Mehrheit für Russland entschieden. Auch auf der Krim. Und mir persönlich ist es vollkommen egal, wozu die gehören wollen. Lasst die Leute einfach selbst entscheiden – in einem demokratischen Verfahren, mit Meinung und Gegenmeinung, mit Streit im Fernsehen, mit Kundgebungen auf Marktplätzen und dann wird geheim abgestimmt, vielleicht unter Aufsicht internationaler Beobachter, vielleicht nicht nur AfD-Abgeordnete aus Berlin, sondern Bürger aus Russland, Ukraine und EU. Wahlkabinen, nicht markierte Stimmzettel, nicht gefälschte „Wählerlisten“, Personalausweise, und dann gemeinsam alle zusammen durchzählen, und die Zettel den anderen geben, damit die auch noch mal durchzählen.

Und dann hat man ein Ergebnis, das alle anerkennen, und so wird es dann gemacht

Aber Russland kann so etwas nicht. Ein Land mit einer großen Geschichte, mit phantastischen Literaten, eine Weltmacht in Theater und Ballet und mit vielen wunderbaren Menschen. Aber Russland kann so etwas nicht. Sie halten Meinungsstreit, Demokratie und Rechtsstaat einfach nicht aus, jedenfalls die Herrscher im Kreml, ihre Nutznießer und Büttel und wohl auch die Mehrheit, die einen starken „Führer“ wünscht.

In den von Moskau niedergewalzten und notdürftig besetzten Gebieten im Osten und Süden der Ukraine haben heute die Scheinreferenden über einen Beitritt der Regionen zur Russischen Föderation begonnen. Eine groteske, lächerliche Veranstaltung. Niemand sollte erwarten, dass so ein Ergebnis, was sicher schon seit ein paar Wochen feststeht, bevor der erste Zettel ausgefüllt wurde, jemals akzeptiert wird. Und das interessiert Putin auch nicht, was die Leute wollen, so wie ihn die jungen Soldaten nicht interessieren, die er für seine imperialen Tagträume in den sicheren Tod schickt. 70.000 sollen es bisher sein, und gerade mobilisiert er weiteres bedauernswertes Kanonenfutter. Was für eine Tragödie für die vielen Tausend Familien der Opfer in der Ukraine und auch für die Familien der russischen Teenager, die noch ein ganzes Leben vor sich hätten.

Von einem historischen Tag sprach der Separatistenchef Denis Puschilin in der nur von Russland anerkannten «Volksrepublik Donezk». «Dieses Referendum ist entscheidend, es ist der Durchbruch in eine neue Realität», sagte er in einem im Nachrichtenkanal Telegram veröffentlichten Video. Das hätte er vielleicht gerne. Vielleicht begreift er es auch einfach nicht, dass man „Volksabstimmungen“ nicht irgendwo abhalten kann, wo man gar nichts zu suchen hat.

Donezk und Luhansk – das ist Ukraine. Und die Krim ist Ukraine. Und diese Gebiete werden es bleiben, auch wenn die Mörder aus dem großen Nachbarlanbd da jeden Tag ein „Referendum“ veranstalten. Die Niederlande besetzen auch nicht militärisch Köln-Nippes und halten dort eine Volksabstimmung über den Anschluss Kölns an Holland ab, ohne den Stadtrat, die Landesregierung und die Bundesrepublik Deutschland zu fragen.

Demokratie können sie nicht, die Russen. Wollen sie nicht. Ein ernsthafter Gegenkandidat taucht aufP? Nowitschok in den Tee oder erstmal 10 Jahren Straflager. Beispiele gibt es genug. Der Brexit war auch möglich ohne maskierte Söldner aus dem Ausland auf den Straßen, AK 47 in den Händen, die Rathäuser und Polizeistationen besetzen.

Putin hat einen Plan

Russland will sich mit Hilfe des Ergebnisses die Gebiete einverleiben und beruft sich auf das «Selbstbestimmungsrecht der Völker». Aber niemand tritt dieses Selbstbestimmungsrecht so mit Füßen wie sein Russland. Was die Leute wollen? Welche Leute? Zwei Millionen wurden – zu einem erheblichen Teil gegen ihren Willen – in die Russische Föderation geschafft. Zehntausende sind tot, Städte liegen in Trümmern, Schulen, Kranken- und Wohnhäuser. Und jetzt kommt die russische Soldateska und veranstaltet was ganz Demokratisches.

Was für ein ekelhaftes Schauspiel, welches Zynismus. Und gut, dass jeder sehen kann, was der Unterschied zwischen der zivilisierten Welt und den Barbaren ist.

Bildquelle:

  • Vor Scheinreferendum in Luhansk: dpa
Anzeige

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren