Brot und Spiele: Es ist völlig belanglos, und doch lieben Millionen Menschen diesen Schmonzes

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Liebe Leserinnen und Leser,

die Nachrichtenlage heute Morgen ist erneut dramatisch. Die königliche Familie sei «in einem Zustand der Traurigkeit», schrieb die britische «Sun», und ergänzt, dass Prinz William «stocksauer» sei angesichts der Enthüllungen seines Bruders Prinz Harry und dessen Gattin Herzogin Meghan in einer aktuellen Netflix-Doku. Darin wird den Royals Rassismus vorgeworfen, was an sich schon nicht neu ist dort, aber besonders verärgert ist das Königshaus wohl wegen einiger Ausschnitte aus dem berühmten BBC-Interview 1995, in dem Prinzessin Diana freimütig über die Affäre ihres damaligen Mannes, des heutigen Königs Charles, erzählt hatte. Und nun kommt das Thema wieder hoch.

Haben wir keine anderen Sorgen, werden Sie jetzt fragen, und: Ja, die haben wir.

Die Energiepreise sind weiter exorbitant hoch, die Inflation hängt weiter bei zehn Prozent und bald ist Weihnachten. China betreibt Spionage, auch nicht neu, in Deutschland und in den Haftanstalten sitzen derzeit 19 tatverdächtige Reichsbürger, die angeblich Terroristen sein sollen. Was geht uns das das britische Königshaus an?

Tatsächlich brauchen viele Menschen diese Geschichten aus der Welt der angeblich Schönen und Reichen. Und, obwohl ich auch nicht weiß warum, bin ich ja selbst nicht frei davon, kann mich aber herausreden, dass ich qua Beruf ja neugierig sein muss und bin. Aber ich verfolge das britische Königshaus medial seit Jahrzehnten, so wie vorher meine Mutter, für die ich jedes Wochenende immer mehrere der bunten Blätter im Zeitungsladen besorgen musste, wo sie sich informierte, was im Buckingham-Palast gerade los ist.

Und es sind Millionen Deutsche, die das alles ganz freiwillig in ihre Köpfe aufsaugen. Denken Sie nur an die langen Reihen von Yellowpress-Blättchen im Supermarkit, die ja alle existieren, weil die Leute das lesen wollen und kaufen. Manchmal fällt es mir schwer, Spiegel oder Focus da überhaupt zu finden, neben all den „goldenen Blättern“, neben Freizeit pur, Pure Freizeit, Bild der Frau, Frau im Bild und so weiter. Und alle leben gut davon. Und mit Journalismus hat das aber rein gar nichts zu tun. Gute Paparazzi-Fotos und dann irgendeine Geschichte darum erfunden. Helene Fischer hat Husten, und ihr Ex-Freund hat einen Kamillentee für sie gekocht. Freddy Quinn ist schon seit (gefühlt) 500 Jahren tot und immer noch kommt Margarete aus Heidelberg jedes Jahr an sein Grab, um Bumen dort abzulegen, Und manchmal weint sie dabei auch…

Völlig belanglos, oft rein erfunden, und Millionen verfolgen all die vermeintlichen Tragödien und Romanzen.

Kennen Sie Nick Carter von den Backstreet Boys? Die erste megaerfolgreiche Boyband, Mädels kollabierten reihenweise bei den Konzerten. Eine habe Carter nach einem Auftritt zwecks Orlasex wohl in den Tourbus gebeten, erfahre ich eben von dpa. Mit was die sich alles beschäftigen, oder? Und Boris Becker darf nach vergleichsweise kurzer Haft in Großbritannien Weihnachten nach Hause, nach Leimen. Er ist frei, und ich bin sicher, die BILD wird uns im Laufe des Tages informieren, wer seinen Privatflug bezahlt, und welche Sorte Prickelbrause über den Wolken gereicht wurde.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.