Claus Kleber geht in Rente: Nicht alle trauern ihm nach

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von MARTIN D. WIND

MAINZ – Hoppla. So massiv war das nicht zu erwarten oder wahrscheinlich nicht erwartet worden: Seitdem auf dem Facebook-Profil von „zdf heute“ bekannt gegeben wurde, dass Claus Kleber seinen zum Jahresende auslaufende Vertrag als Moderator des heute-journals nicht verlängern wird, hagelt es – um es mal wohlwollend zu formulieren – nicht unbedingt schmeichelhafte Kommentare für den Vorzeigesprecher der Magazinsendung des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Dabei hatte alles mal ganz anders angefangen, wie man auch unschwer an einigen wenigen tapferen, vorwiegend weiblichen Kommentatorinnen noch immer erkennen kann. Kleber war ja mal wer. Er hatte sich journalistische Reputation erarbeitet.

Seine Laufbahn als Medienmensch begann bereits 1971 mit 16 Jahren, als er beim Kölner Stadtanzeiger noch als Schüler freier Mitarbeiter wurde. Neben einer freien Mitarbeit beim Südwestrundfunkt studierte er erfolgreich Jura, zwei Semester davon in der Schweiz. Die ersten Erfahrungen in den USA sammelte er während Forschungsaufenthalten wegen seiner Dissertation. Die Steuerzahler haben ihm diese Aufenthalte mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes finanziert. 1986 promovierte er und wandte sich ab jetzt völlig dem Journalismus zu. 15 Jahre lang berichtete er als Korrespondent für die ARD aus den USA

Unvergessen, wie er am 11.September 2001 während der Terrorattacke der radikalen Muslime unter der Führung Usāma bin Ladens, als Mann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei der ARD versuchte, mit der noch heute vorbildlichen Liveberichterstattung und -kommentierung des Anchormans und Nachrichtenchefs Peter Kloeppel vom Privatsender RTL mitzuhalten – der für seine Performance später mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 wurde Kleber nach London versetzt, bevor er bereits 2003 „die Seiten wechselte“ und von nun an für das ZDF die Magazinsendung „heute-journal“ moderierte. Sein gesetztes Auftreten, seine ruhige und tiefe Stimme, sein stets vorbildlichen ausgewählten Anzüge und Krawatten und sein souveräner Sprachstil verliehen ihm seit jeher einen seriösen Nimbus, der sich in zahlreichen journalistischen Auszeichnungen niederschlug.

2007 konnte er dieses erarbeitete Renommee gegenüber seinem Arbeitgeber in klingende Münzen umwandeln: Nachdem die Illustrierte „Der SPIEGEL“ versucht hatte, Claus Kleber abzuwerben und zum neuen Chefredakteur des Blattes zu machen, gab er seine Festanstellung beim ZDF auf. Das hört sich erst Mal ungewöhnlich an, scheint aber einen interessanten Hintergrund zu haben, der bei den Sendeanstalten auch von anderen Mitarbeitern praktiziert wird: Als Festangestellte verdienen die Mitarbeiter der gebührenfinanzierten Anstalten nach einem Tarifvertrag mit gedeckelter Höchsteinkommensgrenze. Diese kann jedoch von „freien Mitarbeitern“, durch individuell ausgehandelte Dienstleistungsverträge durchbrochen werden. So ist Kleber noch immer Moderator beim heute-journal gut – erhält aber als „Freier“ mehr, als er je als angestellter Moderator hätte verdienen können.

Bei allem Bemühen um ein vertrauenswürdiges Auftreten, bei allem Bemühen um ein sauberes Handwerk, konnte auch Kleber sich einem öffentlichen Stimmungswandel gegenüber den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten und den mit Milliarden aus den Rundfunkabgaben erbrachten Leistungen nicht entziehen. Die Kritik an den Sendern, am Finanzierungssystem und am abgelieferten Handwerk nimmt seit rund zehn Jahren an Heftigkeit zu. Das Auftreten der Medienvertreter ist nicht gerade hilfreich, um diese Beurteilungen freundlicher werden zu lassen. Claus Kleber selbst hat sich in den vergangenen Jahren dem Trend weg von der objektiven Berichterstattung, hin zum belehrend wirkenden Haltungsjournalismus, nicht widersetzt.

Höhepunkt der unangenehm zu Tage tretenden Selbstüberzeugtheit war mit Sicherheit sein Interview mit Sebastian Kurz, Wahlgewinner der österreichischen Nationalratswahl vom 29. September 2019, in einer Liveschaltung ins heute-journal-Studio. Selten hat man wohl einen Moderator einen frisch gewählten Bundeskanzler eines benachbarten und befreundeten Staates, derart arrogant und herablassend behandeln sehen, wie das Claus Kleber in diesen knapp sieben Minuten schmerzhaft vorexerziert hat. Sieben Jahre zuvor hätte er die Chance gehabt, einen der übelsten und gefährlichsten Regierungschefs zur damaligen Zeit, vor laufender Kamera zu hinterfragen. Aber er ließ Mahmud Ahmadineschād, damals Präsident der Islamischen Republik Iran, beinahe unwidersprochen sein volksverhetzende und judenfeindliche Propaganda aufsagen.

Vielleicht will die alternde Gallionsfigur Kleber sich ja die immer heißer werdende Debatte um das „Gendern“ in den öffentlich-rechtlichen Redaktionen nicht mehr antun. Vielleicht will er sich noch einen Rest an Erhabenheit und einen Nachglanz seiner Reputation erhalten, wenn er jetzt seinen Vertrag zum Jahresende sang- und klanglos auslaufen lässt. Die Kommentare unter der Nachricht zu seinem Ausscheiden zumindest zeigen deutlich, dass das die letzte Ausfahrt mit Würde gewesen sein könnte.

Bildquelle:

  • Claus_Kleber_ZDF: zdf
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