Erziehung zum uniformen Denken: Framing tötet den seriösen Journalismus

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Liebe Leserinnen und Leser,

ab wann ist man eigentlich „homophob“? Oder „islamophob“? Ich weiß es wirklich nicht, welcher Journalist oder Politiker auf welcher Grundlage entscheiden darf, ob ein anderer an einer Krankheit, einer psychischen Störung leidet.

Ein beträchtlicher Teil unserer täglichen Arbeit in der Redaktion beschäftigt sich damit, Agenturtexte zu entgendern und zu ent-framen. Framing, das ist das Einbetten von zu berichtenden Sachverhalten in vom Autor gewünschte Denkschablonen. Ich würde es Manipulation oder Desinformation nennen.

Heute Morgen haben wir auf unserer Startseite den Artikel einer Autorin über die aktuelle Regierungsbildung in Israel. Dort hat die Mehrheit der Wähler rechts gewählt, und -uuuuhhhuuu – „religiös“. Muss man nicht mögen, darf man aber.

Und nun bekommen wir, weil wir natürlich nicht mal schnell jemanden nach Jerusalem oder Tel Aviv schicken können, um selbst von dort für Sie zu berichten, den Beitrag einer Korrespondentin vor Ort. Die wir nicht kennen, von der wir nicht wissen, was sie denkt oder wählt. Rechts oder Religiös ist es jedenfalls nicht. Denn der Beitrag strotzt von Framing. Das Wort „Rechtsextrem“ wird inflationär benutzt, homophob kommt – wie gesagt – vor, irgendein Minister hat früher mal Ärger mit dem Finanzamt gehabt, irgendein Rechtspopulist hat seinen Rasen nicht gemäht, was weiß ich. All das, um uns, um Sie in eine gewünschte Denkrichtung zu lenken. Was haben wir zu halten von der neuen israelischen Regierung? Die ist ganz doll böse, aber gewählt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Wenn einer rechts- oder linksextrem ist, dann darf, dann muss man das berichten. Oder wenn ein Vorbestrafter Innenminister wird, dann sollten die Bürger das wissen. Aber sachlich, ohne Framing-Trommelfeuer wie in diesem Beitrag ursprünglich, den wir natürlich überarbeitet haben.

Bin ich krank, wenn ich möchte, dass das, was wir Ehe nennen, eine Verbindung eines Mannes mit einer Frau sein und bleiben soll? Muss ich dann medizinisch versorgt werden? Oder in eine Anstalt? Und wenn ich nicht gut finde, dass Mörder mit Macheten in unseren Straßen herumlaufen und „Allahu Akbar“ schreien – müssen Sie dann 112 wählen, damit der Notarzt mit einer weißen Jacke mit Schnallen dran kommt, und zwei stämmige Pfleger dabei, die mich in eine geschlossene Klinik bringen, wo ich Gespräche führen muss, ob ich mich manchmal als grüner Apfel fühle?

Glauben Sie mir, Framing ist Gift für unsere Demokratie. Es ist ein Kampfwerkzeug, um uns zum uniformen Denken zu bringen. Jeden Tag prasselt ein Trommelfeuer der Desinformation auf uns nieder, und ich bitte Sie, dass Sie beim Lesen eines Artikels oder beim Anschauen eines Beitrages unbedingt genau hinschauen. Und bevor Sie mir schreiben, was manchmal vorkommt, dass in einem Artikel bei einem Wort ein „w“ oder ein Komma fehlt, schreiben Sie mir lieber, dass wir irgendwo vergessen haben, ein „umstritten“ vor einem konservativen Politiker zu streichen. Oder ein „Antisemiten und Antisemitinnen“ zu entgendern!

Glauben Sie mir: Die Sprache und die saubere Nachricht sind so wichtig für uns alle. Und deshalb ist es gut, dass es Zeitungen wie diese gibt, die das mit dem Journalismus wirklich ernstnehmen.

Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen allen!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.