Deutsches Liedgut: Von Udo, Michelle und dem Wendler

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Liebe Leserinnen und Leser,

wie halten Sie es so mit deutscher Musik, also Liedern, die in deutscher Sprache gesungen werden? Schon vor 20 Jahren gab es immer wieder Forderungen aus der Politik – ich glaube, sogar die CDU interessierte sich damals noch für unser eigenes Land -, dass die deutschen Radiosender verpflichtet werden sollten, einen bestimmten Anteil ihres Musikprogramms mit deutschen Titeln zu bestücken.

Obwohl ich nun wirklich jemand bin, der sein eigenes Heimatland liebt und der auch mit unserer Sprache überhaupt kein Problem hat – so lange nicht irgendwelche Spinner anfangen zu gendern – bin ich gegen eine solche Quotierung. Einfach weil ich überhaupt dagegen bin, den Leuten vorzuschreiben, was sie tun oder lassen sollen.

Als kleiner Junge wurde ich im Haus meiner Eltern im Bad Salzufler Ortsteil Holzhausen natürlich in Deutsch sozialisiert. Mein Vater hatte alle Langspielplatten von James Last, was aber ausschließlich Bigband-Sound und kein Gesang war. Und im Radio und für den Kassettenrekorder gab es Michael Holm mit „Mendocino“ und Bata Illic mit „Micaela“ und „Ein Bett im Kornfeld“ mit Jürgen Drews, der erst vor ein paar Tagen tränenreich seine große Karriere beendet hat. Als Wehrpflichtiger hatte ich das bei Bierabenden schnell mit der Version „Ein Korn im Feldbett“ verinnerlicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, und dann, unvermeidlich…der Wechsel zu den Hits in englischer Sprache, die damals auch fast alle von britischen Künstlern gesungen wurden. Meine allererste Platte, gekauft vom eigenen Taschengeld, war „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von der Beatles, erschienen 1967, produziert in den berühmten Abbey Road Studios in London, wo die Fab Four 1973 zufällig auch „Pink Floyd“ trafen, was ich vorhin bei wikipedia gelernt habe.

Fortan war deutsche Musik raus aus meinem Sichtfeld. Für Heino ergriff ich immer mal Partei, nicht weil ich Fan seiner Musik war, aber weil ich die üble Hetze gegen den Sänger ungerecht, ja gemein fand. Und als ich ihn dann persönlich mal in Bad Münstereifel traf, in seinem Stammlokal in der Ecke unter einem handsignierten Foto von Helmut Kohl, stellte ich fest, was für ein Riesentyp der Mann mit der Sonnenbrille ist.

Meine Musik, das, was ich seit Jahrzehnten gern höre, sind nicht deutsche Schlager. Ich gehöre zur Generation Michael Jackson, Whitney Houston, Aretha Franklin, das, was man zumindest damals „schwarze Musik“ nannte. Heute wahrscheinlich politisch wieder nicht erwünscht, weil wir ja alle Bunte sein müssen. Aber mir egal…

Nein, „Billie Jean“ ist für mich das Lied, das ich niemals leid werde. Mein erster Sohn wurde dann folgerichtig Michael getauft.

„Ain’t nobody“ von Chaka Khan, der Hammer, viele Erinnerungen aus meiner Berliner Zeit und so weiter, ich könnte noch viele weitere aufzählen….“Earth Wind and Fire“, „Commodores“, „K.C. and the Sunshine Band“. Ja, die gute alte Zeit.

Doch ich habe niemals mit jugendlicher Arroganz auf Menschen herabgeschaut, die Schlager lieben. Warum auch? Als Volontär in der Lokalredaktion des „Westfalen-Blattes“ musste ich eines Abends zu einem Konzert in die Gütersloher Stadthalle zu Karl Moik – die Älteren von Ihnen erinnern sich noch an den „ARD-Musikantenstadl“. Ey, Sie können sich nicht vorstellen, was da abging. Ausverkauft klar, Stimmung wie in Woodstock, die ersten Reihen vor der Bühne nur junge Leute, Gedränge, Schützen, die Hände über den Kopf und kurz vorm durchdrehen. Von wegen Rentnerveranstaltung…

Mit den „Fantastischen Vier“ und „Die da“ kehrte mein Interesse an deutscher Musik mit Wucht zurück. HipHop in deutscher Sprache? Das hatte vor den vier Stuttgarter Jungs noch niemand erfolgreich gemacht, und bis heute gehören Fanta 4 zu meinen liebsten deutschen Interpreten neben Jan Delay, Nena, Mark Forster und ja, Max Giesinger. Max Giesinger ist die Bombe, für mich persönlich bei der deutschen Musik die Nummer 1. Ich habe ihn einmal live erlebt, phantastisch, so gute Performance, so sympathisch, so wunderbare Lieder. Und ja, Udo Jürgens habe ich auch einmal live erlebt, in der Stadthalle Bremen. Natürlich ausverkauft, natürlich war ich beruflich da, und auch das war nur mitreißend. Wie er nach Zugaben und Pause dann im weißen Bademantel wieder auf die Bühne kam, Tässchen Tee in der Hand und für die verbliebenen 1000 Leute weiter sang und spielte….ein ganz Großer.

Diese Erlebnisse sind der Grund, warum ich unseren Kindern immer sage, sie sollen die Großen anschauen, wenn die in der Gegend ein Konzert geben, egal wer. Ich war zweimal bei der Rolling Stones, obwohl es nicht meine Musik ist eigentlich. Aber die Stones…hey, das muss man gesehen haben. Oder damals Michael Jackson, sieben Mal habe ich den genialen Sänger und Tänzer live gesehen. Zweimal in Berlin, in Hamburg, in München, Hockenheim, Basel und Prag. Ich wäre ein ganz armer Mensch, wenn ich das nicht gemacht hätte. Und als ich meine  spätere Frau kennenlernte und sie beeindrucken wollte, besorgte ich zwei Karten für Janet Jackson im Madison Square Garden in New York. Wir flogen hin, und ich sammelte mächtig Punkte.

Aber eigentlich wollte ich Ihnen ja von meinem Verhältnis zur deutschen Musik erzählen. Pop und Hiphop – kein Problem. Mit Schlagern tue ich mich schwer, es sei denn im Bierzelt. Oktoberfest oder Freimarkt, nach 1,5 Liter Bier ist egal, was gespielt wird, da würden wir locker auch beim Radetzky-Marsch und Westerwald abgehen. Vor Corona hatte ich jeden Sonntagabend eine zweistündige Sendung bei Radio B2 in Berlin, heute Schlagerradio. Für Fans ein toller Sender, aber Peter Maffay, Roland Kaiser und Andrea Berg ist nicht so meine persönliche Musikrichtung.

Vor Corona veranstaltete der Sender alljährlich ein großes Schlagerfestival im Osten Berlins auf der Trabrennbahn Hoppegarten. Mit einem befreundeten Paar, beide Schlagerfans, und zwei Kindern waren wir dabei, mittendrin zwischen 25.000 Schlagerfans, und es hat mich ehrlich beeindruckt. O.k., als es losging mit Klaus & Klaus – schon guter Name – und „Nordseeküste“, hatte ich irgendwie schon mal gehört, oder auch 1000 Mal, denn ich habe ja auch mal in Bremen gelebt.

Aber so nach drei Stunden, als die wirklichen Highlights dran waren, da war ich baff, muss ich ehrlich gestehen. Michelle…kennen Sie Michelle? Die kannte ich nur aus der BILD-Zeitung, wenn mal ein Mann weg war oder ein neuer Mann hinzukam. Aber auf die Bühne ist diese Frau, von deren Musik ich nie zuvor eine Ahnung hatte, die mega Bombe. Und dann, als es begann zu regnen – das kann doch kein Zufall sein – ein Verschwörungstheoretiker: der Wendler. Aber hey, sind wir nicht alle irgendwie Verschwörungstheoretiker?

Der Mann war richtig gut, sprang ins Publikum im strömenden Regen und sang „Sie liebt den DJ“ und die Menge geriet in Extase. Dann musste er leider, leider aufhören, um den letzten Flug von Berlin nach Mallorca noch zu erreichen, wo er um Mitternacht noch einen weiteren Auftritt hatte….

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.