In Dresden ruft man wieder „Die Mauer muss weg!“

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von THOMAS PAULWITZ

Dresden hat Berlin abgelöst: Die Stadt an der Elbe ist eine geteilte Stadt. Dort stehen auf der einen Seite Gutmenschen, auf der anderen Seite Wutmenschen. Nun hat die Pegida-Stadt pünktlich zum 72. Jahrestag ihrer Bombardierung auch eine unübersehbare Mauer bekommen, welche die Spaltung der Bürgerschaft versinnbildlicht. Diese Mauer ist nicht lang, aber sehr hoch; und sie wirft einen Schatten auf das Symbol des wiederauferstandenen Dresdens: auf die Frauenkirche.

Die Mauer besteht aus drei ausrangierten Linienbussen, die ehemals im Verkehrsgroßraum Nürnberg unterwegs waren. Die Stadt hat sie hochkant vor das Standbild Martin Luthers gepflanzt. Die Bundeswehr half beim Aufstellen. Das neue Denkmal hat den Steuerzahler ein hübsches Sümmchen gekostet. Offenbar waren die Kosten nicht gerade gering, denn die Verantwortlichen weigern sich, genaue Zahlen zu nennen.

Schönheit sieht anders aus. Daher fühlen sich viele Dresdner davon provoziert, daß nun ausgerechnet zum Jahrestag der Bombardierung eine häßliche Mauer aus Schrott das Stadtbild stört. Es kam zu Tumulten. Bei der Eröffnung am Montag schrieen sie „Schande! Schande!“ und „Haut ab! Haut ab!“ Der syrischstämmige Künstler Manaf Halbouni – Vater Syrer, Mutter Dresdnerin – keilte unter Polizeischutz zurück: „Schämt euch!“ Pegida sorgte so für das Beste, was einem Künstler widerfahren kann: Aufmerksamkeit.

Was will der Bildhauer Halbouni mit seinem merkwürdigen Denkmal zeigen? Im syrischen Krieg dienten in Aleppo senkrecht aufgestellte Buswracks als Barrikaden. Er will ein Stück Bürgerkrieg im scheinbar friedlichen Deutschland sichtbar machen. Allerdings wird bezweifelt, ob die Vorlage für das Kunstwerk glücklich gewählt ist. Im Netz kursiert nämlich ein Bild mit den drei Bussen aus Aleppo, auf denen die Fahne von Ahrar al-Scham weht, einer islamistischen Terrorgruppe, die an Massakern in Syrien beteiligt war. Auch in Deutschland wurden auf Antrag der Bundesanwaltschaft bereits Angehörige der terroristischen Vereinigung verhaftet. Das Bollwerk von Terroristen als Kunstwerk?

Trotzdem soll das Mahnmal nach dem Willen Halbounis Gespräche zwischen den Bürgern anregen. Das ist gründlich mißlungen. Die „Sächsische Zeitung“ zeigte einen Film, in dem Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) verzweifelt und vergeblich versucht, mit einer Dresdnerin ins Gespräch zu kommen. Gutmenschen und Wutmenschen finden in der aufgeheizten Atmosphäre der Stadt einfach nicht zueinander.

Daran ist nicht nur Pegida schuld, die überall „Lügenpresse“ am Werk sieht, sondern gerade auch der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). Er verknüpft in diesem Jahr bewußt das Dresdner Gedenken an die Bombenopfer mit dem syrischen Krieg. Mit seiner Aussage anläßlich des Jahrestages der Bombardierung, dass Dresden eine schuldige Stadt sei, goß er noch zusätzlich Öl ins Feuer.

So ist das Denkmal kein Denkmal des Friedens, sondern ein Mahnmal für die Spaltung der Stadt geworden. Nach dem Schlachtruf „Wir sind das Volk“ kommt in Dresden nun auch noch die Parole „Die Mauer muß weg!“ hinzu. Nach einem Monat werden die aufgepflanzten Busse tatsächlich planmäßig verschwinden. Zurückbleiben wird eine aufgeregte Stadt, tiefer geteilt als zuvor.

Bildquelle:

  • Dresdner_Busse: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.