Ein anderer Aufmacher

von KLAUS KELLE

Nahezu alle Zeitungen und Medien machen heute Morgen mit dem Ergebnis des Referendums in der Türkei auf. Dass Erdogan jetzt noch mehr Kontrolle über sein Land bekommt, war befürchtet worden und ist nun eingetreten. Unerwartet ist höchstens, wie knapp das Rennen auf der Zielgeraden noch geworden ist. Fast die Hälfte der türkischen Wähler scheint selbst Unbehagen zu verspüren angesichts der Vorgänge am Bosporus, insbesondere nach dem „Putsch“ mit Massenverhaftungen, Massenentlassungen und einem sich immer mehr verstärkendem Druck gegen jede Art von Opposition, insbesondere gegen freie Medien. Erdogans Sieg ist auch eine Botschaft an die Europäische Union. Mit dem Ergebnis des Referendums gestern ist der Weg in die EU für Erdoland endgültig verschlossen. Wenn die Herrschaften der Gemeinschaft nach dem Osterurlaub nach Brüssel zurückgekehrt sind, sollten sie das schnell offiziell feststellen und öffentlich erklären.

Wir machen unsere Titelseite heute erneut mit Syrien auf, mit Aleppo, mit dem sinnlosen Morden an Unschuldigen dort. Obwohl der „Nachrichtenwert“ nicht sonderlich hoch ist, wie man das unter Journalisten sagt. Die Entscheidung, Aleppo zum Aufmacher zu machen, ist das Sich-Wehren gegen das Abstumpfen. Syrien, Aleppo, Krieg, Bomben – man kann es schon nicht mehr hören. Es bringt auch keine Leser. Jeden Tag sehen wir es im Fernsehen. Trümmerfelder, ausgebrannte Autos, menschliche Körper, tot am Straßenrand.

126 Tote gestern bei einem einzigen Anschlag. Auf einen Bus, der Zivilisten einfach nur raus aus dem Wahnsinn dort bringen sollte. 68 Kinder, die da eingestiegen sind, wo es ihre Eltern ihnen gesagt haben. Die das ganze Leben noch vor sich hatten, die morgens Milch und ein Marmeladenbrot bekommen sollten, und danach zur Schule gehen. Es ist erschütternd, was dort passiert. Medien sollten nicht aufhören, wenigstens immer wieder daran zu erinnern, aufzurütteln. Etwas ändern müssten andere, Politiker, Staatschefs. Aber die Hoffnung für Syrien ist weiter nahe Null.

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.