ErdgasGaga? Wir können Polen kein Gas schenken, weil es gar nicht unser Gas ist

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Liebe Leserinnen und Leser,

manchmal bekommt man eine Info auf Facebook zugerufen, die so absurd erscheint, dass sich der geneigte Journalist, der sich redlich bemüht, rund um die Uhr nichts Relevantes zu versäumen, darüber hinweg geht. Deutschland, dessen Bürger fürchten, im Herbst nicht mehr heizen zu können, liefert Gas nach Polen. So die Geschichte. Und während unsere Speicher gerade einmal halb voll sind, sind die in Polen fast zu 100 Prozent voller Gas.

Also zusammengefasst: Wir haben zu wenig Erdgas für unser eigenes Land, liefern aber Erdgas an ein anderes Land, das genug davon hat. ErdgasGaga oder?

Erst als weitere Facebook-Freunde weiterführende Links zum Thema schickten, wurde mir klar, dass ich meinem Freund Chris vom Niederrhein demütigst Abbitte leisten und um Vergebung bitte muss.

Denn diese Geschichte ist wahr. Nur, sie ist auch kein Skandal, wie viele Bürger, die unter den hohen Energiekosten ächzen, ganz selbstverständlich vermuten. Der Grund für die Aufregung liegt nämlich im europäischen Gasnetz, das viele Firmen aus vielen Ländern nutzen. Nehmen wir also an, da kommt Erdgas aus Russland über eine Röhre hier an, dann bedeutet das nicht, dass das jetzt deutschen Gas ist nach der Bezahlung oder von deutschen Energieunternehmen gekauft wurde. Das europäische Röhrenlabyrinth, wie das ZDF das bezeichnet, erstreckt sich kreuz und quer durch Europa – insgesamt stolze 225.000 Kilometer lang.

Anders erklärt: Das Gas aus Russland, das hier ankommt, kann durchaus von einer polnischen oder spanischen Firma bestellt und bezahlt worden sein, und es wird dann weitergeleitet zum Besteller, der nur die Pipeline benutzt.

Und weil Russland Polen inzwischen die Gaslieferungen komplett abgestellt haben, gleichzeitig aber deutsche Privatfirmen deutlich höhere Speicherkapazität vorhalten können, gibt es einen schwunghaften Handel um die begehrte Ware. Und – anders als die Erregungskurve erwarten ließe – zahlen die Polen dafür die gleichen hohen Preise, die inzwischen für Gas überall in Europa gelten. Also: Deutschland verschenkt kein Gas, das es eigentlich dringend selber bräuchte, weil es gar kein Gas ist, das uns Deutschen gehört. Und der deutsche Energiekostenzahler wird finanziell nicht ausgesaugt, weil marktübliche Preise für alle hier gelten, auch für die polnischen Nachbarn. Und so gibt es keine guten Nachrichten für alle, die demnächst für Heizkosten zur Kasse gebeten werden, aber auch dieses Mal kein Erregungspotential…

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.