Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
heute Morgen habe ich – kein Witz – im Netz schon wieder vom „Untergang“ gelesen. Untergang! Wegen einer Landtagswahl in Baden-Württemberg. Der Wiege des Automobils in Untertürkheim und Sindelfingen werde es nun ergehen „wie Detroit“, schreibt ernsthaft einer im Forum meines Blogs. Was soll da bei der nächsten Wahl noch an Superlativen kommen? Rottweil wird zur „Bronx“?
Nein, wenn wir heute wirklich von Untergang sprechen, dann müssen wir uns mit der FDP beschäftigen.
Denn die ist gestern untergegangen, und zwar ausgerechnet dort, wo sie bisher immer den Kopf über Wasser halten konnte. Ach, was schreibe ich – die Liberalen waren im Ländle seit 1952 an elf Landesregierungen beteiligt.
Theodor Heuss, Deutschlands erster Bundespräsident, sozusagen die moralische Instanz nach Krieg und Naziherrschaft, war ein FDP-Mann aus Baden-Württemberg.
Der Liberale Reinhold Maier war von 1952 bis 1953 sogar erster Ministerpräsident des neu gegründeten Landes im deutschen Südwesten. Klaus Kinkel, Birgit Homburger, Dirk Niebel – Sie alle kennen diese Namen einer FDP, die auch mal goldene Zeiten erlebte, und von der man im Ländle zu Recht vom Stammland der FDP sprach.
Doch das ist vorbei seit gestern
Die FDP ist abgestürzt, sie ist tot. „Wenn es die FDP in diesem Land nicht schafft, wird keiner glauben, dass sie irgendwo noch die fünf Prozent überspringen kann“, analysierte sehr scharfsinnig Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke vor dem Wahlabend gestern. Und es wird ja nicht besser. Okay, im Superwahljahr 2026 hat die FDP vielleicht noch eine kleine Chance in Rheinland-Pfalz in zwei Wochen. Aber in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin? Wer glaubt denn ernsthaft, dass die Liberalen ausgerechnet dort auferstehen?
Wer kämpft, kann verlieren. Das wissen wir alle, und das ist nicht nur in der Politik so. Aber ich habe den Eindruck, bei der FDP kämpft man gar nicht mehr.
Haben Sie gestern Abend den FDP-Bundesvorsitzenden Christian Dürr in der ARD gesehen?
„Für mich ist klar: Das ist ein Marathon und der geht weiter“, spulte er übliche Politiker-Wortstanzen ab. Keine Botschaft an die verbliebenen FDP-Truppen im Lande, kein Mutmacher, der eine neue Strategie ankündigen könnte. Dürr hat kein Mandat mehr, weil die FDP ja auch vergangenes Jahr aus dem Bundestag rausgeflogen ist. Das muss man dem Mann zugutehalten. Ohne die große Bühne im Bundestag aber ist es schwer, Aufsehen oder auch nur Neugier zu erregen.
Aber wenn ich dann lese, dass FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner auf einen Erfolg ihrer Partei gewettet haben soll und als Einsatz im Falle eines Scheiterns angeboten hat, sich eine Glatze schneiden zu lassen, dann frage ich mich: Begreifen diese Leute überhaupt, in welcher ernsten Situation sich unser Land befindet? Was soll dieser Klamauk? Dürr mag ein netter Kerl sein, das will ich nicht ausschließen, aber der Mann, der die FDP wieder in die Erfolgsspur führt? Im Leben nicht…
Doch was bleibt dann nch?
Inhaltlich ist das leicht: Die FDP müsste wieder zu einer liberalen Partei werden, was sie schon lange nicht mehr ist. Sie ist ein linkswokes Anhängsel anderer ohne klare Ziele und Konturen. Dabei bräuchte unser Land eine starke liberale Kraft als Brandmauer gegen den übergriffigen Staat, gegen Behördenwillkür und Regulierungsirrsinn. Frauke Petry hat das übrigens erkannt und ihr „Team Freiheit“ gegründet. Die Repräsentationslücke im deutschen Parteiensystem besteht nämlich vielleicht gar nicht zwischen Union und AfD, was auch ich lange gedacht hatte. Sie ist vielleicht links von CDU und CSU zu verorten, dort, wo einst die FDP mal war.
Holen wir Christian Lindner zurück!
So hört man inzwischen immer lauter in den gutbürgerlichen, FDP-nahen Milieus raunen. Aber hat den Mann mal jemand gefragt, ob er das überhaupt will?
Und Wolfgang Kubicki ist scharfsinnig, der schwebt über allem und sagt, was er denkt. Das ist ein Liberaler, den ich wählen würde. Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist der letzte echte Kerl der FDP. Aber sind das die Zukunftsmodelle?
Die FDP steht wirklich am Abgrund, das ist keine Übertreibung, wie man sie von AfD-Seite gern im Zusammenhang mit EU und CDU verwendet. Geschenkt! Abgrund und Untergang, das ist halt Kernvokabular der AfD. Aber die FDP steht am Abgrund, wenige Zentimeter davor. Keine programmatische Schärfe, keine frischen Köpfe, kein Konzept à la Milei.
Ich denke, wir müssen uns langsam daran gewöhnen, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Klaus Kelle