Familie royal

Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin ein Royalist. Wirklich. Also nicht in dem Sinne, dass ich für die Wiedereinführung der Monarchie plädieren würde. Ich komme gut klar mit unserer Republik. Gut, ein bisschen Pomp, ein bisschen Drama – das ist mit Frank-Walter – Feine Sahne Fischfilet – Steinmeier nicht zu haben, aber wir Deutschen sind ja inzwischen insgesamt ein wenig anders als alle andern. Präsident, Kaiser, König – wen juckt’s hierzulande?

Wenn ich die Fotos von den aktuellen Auftritten der britischen Monarchin Elisabeth II sehe, wie sie Tag für Tag auch im Alter von 96 Jahren ihren Dienst erfüllt für Krone und Vaterland, dann möchte ich niederknien. Und das macht jemand wie ich eigentlich nur beim Heiratsantrag und vor dem Altar. Sonst niemals. Aber diese Königin ist mehr als einen Hofknicks oder eine tiefe Verbeugung wert.

Bei uns auf der Startseite sehen Sie jetzt noch den Bericht von den Feierlichkeiten gestern in London, von den Menschenmassen die durch Union Jack-beflaggte Straßen zum Buckingham Palast strömen, um ihrer Queen zu huldigen. Und dann das Foto von der Windsor-Sippe auf dem Balkon. Die Chefin inmitten von Kindern, Enkeln und Großenkeln, stilvoll wie immer gekleidet diesmal in hellblau-pastell mit passender Kopfbedeckung. Als Flugzeuge der Royal Air Force zu Ehren von Her Majesty eine 70 für den Jahrestag des Thronjubiläums am Himmel bildeten, geriet Prinz Louis, mit vier Jahren jüngster Sohn von William und Herzogin Kate, kurz in den Blickpunkt der Menge und der Fotografen, weil er Grimassen zog und sich die Ohren zuhielt. Zuckersüß, wie der Kleine da stand in seinem Matrosenanzug, und die sichtlich amüsierte Regentin beugte sich kurz zu ihm herunter und wechselte ein paar Worte mit ihm.

Diese Bilder und Filmschnipsel werden wir in den kommenden Jahren immer mal wieder sehen. Ganz sicher.

Zwei fehlten allerdings auf dem Balkon: Prinz Harry und Herzogin Meghan von Sussex, einst eine erfolgreiche amerikanische Schauspielerin. Die beiden haben sich abgesetzt in die USA, das Tischtuch mit „der Firma“, wie sich die Windsors untereinander selbst bezeichnen, ist zwar nicht zerschnitten, aber familiär-innig ist es auch nicht mehr. Jemand der ausschert bei den Royals, ja, der ist dann halt auch raus.

Und so etwas gibt es ja in jeder Familie mal, oder? Hand aufs Herz: Wo gibt es keine Streitigkeiten, keine Krisen? Wo gibt es nicht mal Zweifel oder einige Nachkommen, die aus dem Ruder laufen, wie man das in meiner Heimat formuliert. Aus dem Ruder laufen, das ist wohl normal, das passiert „in den besten Familien“ (5 Euro von mir ins Phrasenschein). Und dann kommt es darauf an, wie man das wieder einfängt, wie man damit umgeht, was „das mit einem macht“ (nochmal 5 Euro). Es gibt Paare und Familien, die das hinbekommen, die über ihre Schatten oder meinetwegen Verletzungen und Enttäuschungen hinwegkommen, die sich Zeit nehmen, viel reden und dann Schritt für Schritt ihre Probleme lösen. Und es gibt die anderen.

Was haben wir über die Jahre nicht alles lesen können (müssen) über Familie Windsor? Intrigen, Trennungen, Indiskretionen, Verbannungen vom Schloss. Ein König ist mal abgedankt für die Liebe zu einer…na, klar…Amerikanerin. Ich bin sicher, irgendwann wird ein verwackelter Schwarz-Weiß-Film im Internet auftauchen, wo irgendeiner von einem Think Tank versichert, dass der Großvater von Bill Gates irgendwie darin verwickelt war.  Und dann die tragische Geschichte der alles überstrahlenden Prinzessin Diana und ihrer unerfüllten Liebe zu Prinz Charles, dessen Telefonate mit der Geliebten Camilla über Verwendungsmöglichkeiten von Tampons vom britischen Geheimdienst mitgeschnitten und bald darauf auf der Titelseite der „Sun“ genüsslich zitiert wurden. In einem normalen Land hätte dies zur unverzüglichen Abschaffung der Monarchie und zur Auflösung des Geheimdienstes geführt. Aber da ist es nicht normal, da ist Großbritannien.

Und im Augen des Orkans, mitten im schlimmsten Sturm, steht dann immer diese gebrechliche kleine Frau mit stoischem Gesichtsausdruck und nimmt die bombastische Parade „Trooping the Colour“ ab. Weil das so muss. Weil das Tradition ist. Und vor allem, weil Her Majesty das mehr verdient hat als jeder andere Regent auf diesem Planeten. Meine Mutter Waltraud, der man eine gewisse äußere Ähnlichkeit zu Elisabeth zurecht nachsagte, war eine Royalistin. Nach ihrem Tod entdeckten wir in den Schränken ihres Hauses Berge von Porzellantassen mit dem Konterfei von Charles und Lady Di, Stapel von Yellowpress-Illustrierten mit großen Geschichten über die Queen und Prinz Philipp, über Anne und Andrew, sogar über Camilla. Sie wusste alles, was bei den Royals so los ist. Seitdem liegt das wohl in den Genen bei den Kelles.

Ich verbeuge mich tief vor Queen Elisabeth, ihrer klaren Linie – Britain first! – ihrer Liebe zum Vaterland, ihrer Kraft, die Sippe durch alle Stürme zusammenzuhalten, und ihrem treuen Dienst für Ihr Volk bis zum letzten Atemzug. God save the Queen!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

Anzeige

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.