Fertigmachen zum Jubeln für die Kameras, Genossen! AfD und Grüne haben Spaß am Wahlabend

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Liebe Leserinnen und Leser,

Sie kennen das, weil es sich immer wiederholt seit Jahrzehnten. Wenn ARD oder ZDF um 18 Uhr und kurz danach in die Parteizentralen schalten und das rote Licht an den Kameras aufleuchtet, dann wird gejubelt, was das Zeug hält. Fast so wie früher, wenn Merkel beim CDU-Bundesparteitag irgendwas Belangloses daherredete, und die 1001 Delegierten im Saal aufsprangen wie auf Koks und orgiastische Klatschorgien begannen. Nicht, weil sie wirklich begeistert gewesen wären von Merkels Unions-Vernichtungsprogramm, sondern weil man jubeln muss, wenn die Kameras draufhalten und die Berichterstatter mit der Stoppuhr die Zeit messen, wie lange das lächerliche Ritual wohl andauert. Und ob es im Vorjahr vielleicht sechs Sekunden mehr waren.

Ich war in meinem Leben schon oft bei solchen Wahlabenden dabei, im Parlamentsgebäude oder in Parteizentralen. Und oft habe ich heimlich…oder auch offen…mitgejubelt. Ein bisschen peinlich war es Anfang 1990 bei der letzten DDR-Volkskammerwahl, wo wir unser Wahlstudio von Radio Hundert,6 im Palast der Republik hatten. Und meine Kollegen vom Sender und ich bei der ersten Hochrechnung, die einen überwältigenden Wahlsieg der „Allianz für Deutschland“, angeführt von mehreren Stasi-Spitzeln und dem westdeutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, zur Gewissheit werden ließ, in lauten und überschwänglichen Jubel ausbrachen. Genau in dem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine SPD-Senatorin spazierte herein, die wir am frühen Nachmittag zu einer ersten Stellungnahme für kurz nach 18 Uhr in unser Studio eingeladen hatten. Als sie den Raum betrat und die Szenerie wie hinter dem Tor auf Schalke sah, war ihr wohl klar, wo sie da hineingeraten war und für wen wir an diesem Abend waren… Die SPD jedenfalls nicht.

Also, wenn die Kameras an sind, wird gejubelt. Egal, ob das Ergebnis zum Jubeln ist. Und als ich das NDR-Foto vorhin gesehen habe von der niedersächsischen SPD-Riege in der Wahlzentrale der Genossen, zum Sprung, also zum Jubel, bereit, musste ich unwillkürlich an einen Elferrat im Kölner Karneval denken…

Hier die Fakten:

Regierung

Die Große Koalition in Hannover ist Geschichte. Die SPD ist der strahlende Wahlsieger mit gut 33 Prozent – ein Minus von vier Prozent. So sehen heute Sieger aus in Deutschland. Stephan Weil bleibt Ministerpräsident, wechselt aber den Koalitionspartner aus. Schwarze raus, Grüne rein. Fertig. Kein Feigenblatt mehr, jetzt wieder deutliche linke Politik.

Die SPD

Bundeskanzler Olaf Scholz, als Regierungschef ein Totalausfall, darf sich als Sieger sehen. Die SPD hat Prozente verloren, bleibt aber dank ihres – für niedersächsische Verhältnisse – populären Amtsinhabers vorn. SPD-Bundesgeneral Kevin Kühnert sprach am Abend von „Rückenwind“ durch das Ergebnis in Niedersachsen. Humor hat er ja..

Die CDU

5,5 Prozent Verlust, Althusmanns Bernd hat nicht gezündet. Und Friedrich Merz auch nicht. Ich lege mich da jetzt fest, auch als jemand, der den Sauerländer stets als die letzte Chance für die Volkspartei Union angesehen hat. Aus. Schluss. Vorbei. Eine CDU, die kurz vor der Wahl öffentlich bekräftigt, man habe mit dem Wörtchen Konservativ aber so gar nichts zu tun, der muss sich nicht wundern, wenn Konservative dann an der Wahlurne woanders ankreuzen. Friedrich Merz führt die Frauenquote in der CDU ein – das kann man sich gar nicht ausdenken…

Die FDP

Machen wir es kurz: Die Liberalen erhielten – Stand jetzt – 4.8% und sind raus. Gut so. Hätte die One-Man-Show im Bundesfinanzministerium einen Arsch in der Hose, würde die FDP noch heute aus der überforderten Ampel-Regierung aussteigen. Aber hat er halt nicht.

Parteivize Wolfgang Kubicki forderte am Abend, seine Partei müssen jetzt ihre Politik in der Ampel «deutlicher markieren». Weiter konnte ich nicht lesen, weil ich eingeschlafen bin.

Die Grünen

So wie die Sozis Stimmen verloren haben und sich freuen, so haben die Grünen deutlich Stimmen gewonnen und waren dennoch verärgert. Plus 5,8% aber weit entfernt von den angestrebten 20 Prozent – der Wähler kann es keiner Partei rechtmachen. Aber immerhin: die Grünen gewinnen – wohl auch durch den Baerbock-Faktor – deutlich an Zustimmung in der Wählergunst. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Die AfD

Das ist eine spannende Partei, ein Chamäleon, und das seit Jahren. Neben dem Saarland und Baden-Württemberg gab es nirgendwo im Westen Deutschlands so viel Zoff wie in der Niedersachsen-AfD. Da gab es den schillernden Armin-Paul Hampel, nach dessen Amtszeit vieles „aufzuarbeiten“ war. Es gab den zeitweise erfolgreichen Versuch von Dana Guth, das rechte Geflügel vom Hof zu jagen, was sie aber letztlich den politischen Kopf kostete. Dann flog die Fraktion auseinander, dann gab es wieder Unregelmäßigkeiten, die Wahlversammlung zur Listenaufstellung für den Bundestag verlief chaotisch, und vor vier Monaten waren viele Beobachter überzeugt, dass es für fünf Prozent dieses Mal nicht reichen wird.

Und was macht er, der Niedersachse? Er strömt scharenweise zur AfD – plus fünf Prozent, Ergebnis zweitstellig. Diese Partei ist irgendwie unkaputtbar. Je mehr Theater, desto besser die Ergebnisse.

Und schließlich gibt es noch eine wirklich gute Nachricht: Die SED bleibt deutlich unter 5 Prozent. Das Totenglöcklein läutet immer schriller. Die Linke, wie die SED heute heißt, steht vor dem endgültigen Aus. Gut so.

Die nächste Wahl wird übrigens erst im Mai 2023 in Bremen stattfinden, und das könnte wieder interessant werden. Nicht, was die Regierung anbetrifft, versteht sich. In Bremen regiert die SPD so wie der FC Bayern die Bundesliga. Aber Bremen war schon mehrfach Polit-Labor für neue Parteien. Einfach, weil der Zwei-Städte-Staat mit nur 650.000 Einwohnern als Bundesland eigentlich ein Witz aber übersichtlich ist. Hier kann man mit begrenztem finanziellm Einsatz Punkte sammeln. Schau’n mer mal.

Herzliche Grüße,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.