Fränkische Brotzeit im Wald – was ist eigentlich unsere Identität?

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Liebe Leserinnen und Leser,

meine kleine Geschichte von Yvonnes Geburtstagsparty am Ufer der Pregnitz in Fürth hat viele von Ihnen gestern berührt. Wann leben wir alle eigentlich mal wieder? Lassen wir uns von unserem Beruf, vom familiären Alltag, von der wenig überzeugenden Politik in Deutschland viel zu sehr in den Bann ziehen? Engagieren wir uns für die falschen Dinge?

Ich glaube, viele von Ihnen haben ab und zu solche Gedanken. Also, ich wirklich oft, wenn ich wieder stundenlang auf irgendeiner Autobahn unterwegs bin und eine immer lauter werdende Stimme in meinem Hinterkopf höre, die ruft: „Klaus, was machst Du hier eigentlich?“ Ich hab das wirklich manchmal, obwohl ich ja überzeugt von meiner Mission und von meinen Idealen bin. Trotz allem.

Zu den wieder über 20.000 Lesern, die meine Pregnitz-Geschichte heute aufgerufen haben, gehörte auch ein alter Freund aus meiner Heimat Lippe, der sich mit seiner Familie vor vielen Jahren im schönen Franken niedergelassen hat. „Klaus, Du musst doch mal eine Pause machen und was essen“, sagte er mit am Telefon. Und da ich gerade auf der Autobahn Richtung Würzburg unterwegs sei, könne ich doch bei ihm eine Rast einlegen. Gesagt, getan, eine schnuckelige Kleinstadt, von denen das Frankenland so viele hat, und wo die Gasthäuser „Zum Adler“, „Zum Kreuz“ oder auch „Zum Stern“ heißen. Doch kein Gasthaus und auch nicht sein Privathaus war unser Ziel, sondern eine alteingesessene Metzgerei. Fränkische Bratwurst mit Kümmel, Brötchen mit Leberkäse und Fleischpflanzerl, reichlich Senf und dann ging es ab in einen Wald, wo er eine kleine Holzhütte besitzt. Brotzeit, nennt der Bayer das, und ich finde, es ist ein wunderbarer Begriff. Mein Freund hatte vorher noch zwei kalte Flaschen Helles (natürlich alkoholfrei) und zwei nicaraguanische Zigarren besorgt, und so kamen wir gut über die nächsten zwei Stunden unter einem Vordach bei 39 Grad Celsius.

Wir quatschten einfach drauf los. Was unsere Familien so machen, was die Kinder später werden wollen oder schon sind, und was aus Deutschland geworden ist. Dazu muss ich sagen, dass Waldemar und ich uns – wie so viele – aus gemeinsamen Zeiten in der Jungen Union (JU) damals in Lippe kennen. Noch schnell ein Selfie von uns beiden für unseren gemeinsamen alten JU-Freund Harry aus Horn-Bad Meinberg, die Flaschen Helles gut mit drauf auf dem Bild. Männer werden nie wirklich erwachsen.

Irgendwann drehte sich unser Gespräch um Heimat, um Herkunft und um Identität. Was ist das eigentlich, die deutsche, unsere Identität? Sind wir wirklich noch so ordentlich, so fleißig, so wohlorganisiert, wie man uns nachsagt? Einige sicher, aber in der Gesamtheit? Wenigstens in der Mehrheit? In einer Kleinstadt in Franken oder in Thüringen sicher, auf jeden Fall eher als in Failed Citys wie Berlin oder Duisburg. Aber ist das unsere verbindende Identität?

Also, ich fahre zum Beispiel – wie Sie wissen – häufig zu Spielen von meinem Herzens-Verein Arminia Bielefeld. Aber weder unsere Kinder noch ich tun das, weil wir erwarten, Deutscher Meister zu werden oder irgendwann in der Europa League mitreisen zu dürfen im schwarz-weiß-blauen Trikot. (Bei dieser Gelegenheit: Herzlichen Glückwunsch den FC Bayern München zur Deutschen Meisterschaft in der heute beginnenden Saison!) Es geht dabei nur und ausschließlich um Identität und Heimat. Zurück zu den Wurzeln, zu den Tagen der Kindheit, wo einem die sprachlichen Feinheiten von früher noch so vertraut sind, wo die Uni ist, wo man früher immer mit Freunden Altbier mit einem Schuss Himbeersirup in der Studentenkneipe getrunken hat. Klar ist es schön, wenn man mal ein Spiel gewinnt oder einer „von uns“ aus der Provinz groß rauskommt, wie gerade unser Torwart Manuel Ortega. Der kam 2007 nach Ostwestfalen und wurde zu so einem überragenden Bundesliga-Torhüter, dass der FC Bayern, Hertha BSC und Schalke 04 lockten. Doch jetzt spielt er bei Manchester City und verdient zehn Millionen im Jahr….

Einer von uns, einer aus unserer ostwestfälischen Heimat, hat es geschafft.

Und Waldemar aus Franken hat geschafft, wovon ich träume – nämlich zu leben. Er ist im Rotary Club, er hat seine Waldhütte mit Kamin und neu gebeizten Holzbänken, er sitzt im Morgennebel auf dem Hochsitz als Jäger, er lädt spontan alte Freunde zu einer zünftigen Brotzeit und einem kalten Bier ein. In Franken.

Könnten wir auch woanders leben, wenn es in Deutschland zu ungemütlich wird, darüber diskutierten wird, und ich erzählte von meiner Begeisterung über Kroatien und Portugal und den USA. Die Amis mag er auch, aber immer nur für ein paar Wochen Urlaub, Tolles Land, Freiheit in den Genen der Leute, ich liebe das auch. Aber: Es ist nicht unser Land, es ist nicht unsere Mentalität und Identität. Nichts gegen einen gut gegrillten Burger und French Fries von Checker’s – aber eine Brotzeit und Helles in Franken? Das sind wir.

Heute wird es nicht mehr so heiß, die Klimakatastrophe macht Pause. Einen schönen Tag Ihnen allen!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.