Geheimcode „Pizza“? Es gibt bis heute keinen einzigen Beweis für diese Erzählung

Mit Frunden eine Pizza Teilen

von KLAUS KELLE

BERLIN – Julian Reichelts NIUS ist das Maß der Dinge bei den freien Medien in Deutschland. Wenn Julian einen raushaut, dann hören wir alle hin, weil es in der Regel fundiert ist und der Mann nicht nur ein Top-Journalist, sondern auch selbst ein wunderbarer Präsentator schlechtester Nachrichten ist. Heute haben mich mehrfach Freunde auf einen aktuellen Kommentar von ihm zum Epstein-Skandal angesprochen und all die Dinge, die da jeden Tag ans Licht kommen. Die aktuellen Enthüllungen in den drei Millionen freigegebenen Akten seien „monströs“ und ein „Zivilisationsbruch“, der unser Grundvertrauen in die globalen Eliten, die ja die Besten unserer Besten sein sollen, nachhaltig erschüttern wird.

Das denke ich auch. Wenn ein Mann wie Epstein mit seiner organisierten Missbrauchs-Spielwiese in engem Kontakt mit den reichsten Männern der Welt steht, wie Bill Gates, wenn sein direkter Einfluss bis ins britische und norwegische Königshaus reicht, wenn ein früherer US-Präsident bei Epstein mit jungen Frauen im Pool plantscht, dann muss man nicht nur genauer hinschauen, dann muss die Polizei ermitteln und dann muss schnell und konsequent von der Justiz gehandelt werden.

Aber man muss auch nicht durchdrehen

Ja, das Wort „Pizza“ kommt in den jetzt veröffentlichten Akten vor, etwa 900 Mal. Es taucht auf in Mails und Messenger-Nachrichten, in denen sich Politiker, Wirtschaftsleute und auch Mitarbeiter von ihnen gegenseitig schreiben, dass sie Pizza bestellen wollen. „Who wants pizza in Austin?“, schreibt zum Beispiel ein Mitarbeiter. Und es gibt auch Sätze, die für uns seltsam anmuten, wie: „Let’s go for pizza and grape soda again. No one else can understand.“ Aber sind das Bestellungen von jungen Mädchen zwecks sexuellen Missbrauchs? Ermittler und Polizei halten das für völlig abwegig und verweisen auf den Ursprung der vermeintlichen „Pizza“-Verschwörung. Das ist nämlich die Erzählung von „Pizzagate“.

John Podesta war damals ein hochrangiger US-Politstratege der Demokratischen Partei, der über Jahrzehnte hinweg zentrale Positionen im Weißen Haus ausübte. Er war Stabschef von Bill Clinton und Berater von Barack Obama und er organisierte auch die Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton. Und genau in dieser Zeit avancierte er zur Hauptperson von „Pizzagate“, als nämlich sein privates Mailkonto gehackt wurde. Die veröffentlichten Mails zeigten für den Betrachter nicht einmal im Ansatz irgendwas, das mit sexuellem Missbrauch zu tun gehabt haben könnte.

Das erklärten auch Polizei und Ermittler immer wieder öffentlich. Es gab null Hinweise auf so etwas.

Was es aber gab, waren sich wiederholende Begriffe wie „Pizza“. Und populäre Verschwörungs-Plattformen wie 4chan und Reddit griffen das auf und werteten das als „verdächtig“, als eine Art Wörterbuch für Kinderschänder. Sie interpretierten Sätze wie „I’m dreaming about your cheese pizza“ oder Diskussionen über „Hot Dog parties“ als Codes für Kinderpornografie (Cheese Pizza = CP) oder Jungen (Hot Dogs) um.

Aber es gab keinerlei Beweis, dass es tatsächlich so ist; keinen „Whistleblower“, der dabei war oder das aussagt. Es wurde einfach geschrieben. So, als würde ich in einem Text schreiben, unser Nachbar hätte in seinem Garten nur blaue Blumen gepflanzt und das sei ein Zeichen zum Beispiel für Außerirdische. In Zeiten des Internets wächst und wächst solch eine Geschichte und kann dann irgendwann zu einem echten Faktor in der Debatte werden, wenn sich Menschen mit Bedeutung oder Reichweite darauf einlassen.

Podesta und Hillary sollen im Keller der Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington D.C. Minderjährige gefangen gehalten haben, wurde damals behauptet. Tatsächlich gibt es dort keinen Keller und natürlich keine entführten Kinder. Aber es gibt eine Community, die der mächtigen Elite alles zutraut.

Die „Pizza“-Erzählung jetzt im Zusammenhang mit Epstein ist keine eigene Geschichte, sondern eine Adaption von „Pizzagate“.

Weil im Umkreis von Epstein Pizzen bestellt wurden und man das Wort „Pizza“ in der Verschwörerszene schon kannte, schien der Fall klar. Das Wort Pizza kommt übrigens in den gerade veröffentlichten drei Millionen Dokumenten der „Epstein-Files“ etwa 900 Mal vor – Wladimir Putin wird häufiger erwähnt, aber den darf man ja in diesen Kreisen nicht kritisieren.

Und ich war heute Mittag ebenfalls in einer Pizzeria in Berlin. Hoffentlich ziehen sie mich da jetzt nicht auch mit rein…

Weder das FBI noch andere Ermittlungsbehörden haben jemals irgendeinen Beleg offiziell bestätigt, wonach „Pizza“ in diesem Fall eine geheime Bedeutung hatte. In den drei Millionen Epstein-Dokumenten bezieht sich die Erwähnung von Pizza fast immer auf alltägliche Logistik. Dokumentiert sind beispielsweise „Headcounts“ (Teilnehmerlisten) für Pizza-Essen oder Fragen wie eben erwähnt: „Who wants pizza in Austin?“.

Die Behauptung, es handele sich um einen Code, wird von Strafverfolgern als haltlose Spekulation eingestuft, die ihren Ursprung in der „Pizzagate“-Geschichte hatte.

Ich halte heutzutage alles für möglich. Nach über 40 Jahren Journalismus – wie sollte es auch anders sein? Und ich bin offen für jede gute Verschwörungstheorie. Aber das hier ist keine, es ist eine „self-fulfilling prophecy“, eine Geschichte, die weltweit ihre Runde durch das Netz macht und irgendwann dann wahr zu sein scheint.

Und von Hinweisen auf „Foltervideos“ und verschwundene Menschen in den Epstein-Akten gibt es nach den bisherigen Veröffentlichungen keinen Hinweis. Für mich klingt das eher nach einer der berühmten „Urban Legends“ unserer Zeit.

Aber wie gesagt: Ausschließen kann man in dieser verrückten Welt natürlich nichts. Was wäre ich für ein Journalist, wenn ich bei Themen von vornherein schon sage: Das kann nicht wahr sein?

Bildquelle:

  • Pizzaessen: adobe.stock/ Богдан Маліцький

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.