Nicole Höchst (AfD): „Mit Benedikts Tod wird es im christichen Abendland deutlich dunkler“

Die AfD-Abgeordnete Nicole Höchst heute Morgen auf dem Petersplatz.
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ROM – Die neue kirchenpolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion war heute morgen zusammen mit 50.000 Gläubigen bei der Trauerfeier für den verstorbenen früheren Papst benedikt XVI in Rom. Wir trafen Sie auf dem Petersplatz.

Frau Hoechst, Sie waren heute als kirchenpolitische Sprecherin der AfD-Bundestagsfraktion beim Requiem für den verstorbenen Papst Benedikt in Rom dabei. Wie haben Sie die Stunden auf dem Petersplatz erlebt?

Ich war ergriffene Zeugin eines einmaligen Ereignisses. Der amtierende Papst Franziskus zelebrierte die Trauerfeier für den emeritierten Papst Benedikt XVI. Alleine dafür stand ich gerne ab 7.30 Uhr auf dem Petersplatz. Wissen Sie, ich war ja nicht nur mit dem Hut der kirchenpolitischen Sprecherin vor Ort, sondern eben auch als römisch-katholische Christin, die den verstorbenen, emeritierten Papst sehr schätzte. In den Stunden des Wartens auf das Requiem, hatte ich Gelegenheit, noch einmal für mich Revue passieren zu lassen, was dieser Papst für mich und den christlichen Kontinent Europa bedeutete.


Nämlich was?


Benedikt war der herausragendste Theologe und Denker auf dem Papstthron. Werner Herzog bezeichnete ihn als den „tiefsten Denker“ der vergangenen 300 Jahre. Er war in seiner bayerischen heimat tief verwurzelt. Kein Papst war so tief und kenntnisreich mit den Denktraditionen des Abendlandes verbunden wie er. Seine Mission war die Bewahrung des christlichen Europas und das Werben für eine von christlichen Werten geprägte Welt. Politik, Staat und Gesellschaft sollen von christlichen Werten ausgehen und an Schöpfungsordnung, Naturrecht und Wahrheit gebunden sein, wie er damals vor dem Deutschen Bundestag sagte.

Und er mahnte uns Politiker, Ethik und Moral nicht an tagesaktuellen Umfrageergebnisse oder eine Quotenmoral zu messen. Er kämpfte gegen die Diktatur des Relativismus und gegen die Ideologie von der Erschaffung des neuen bindungsfreien, nicht religiösen und maximal selbstverwirklichten Menschen. Deswegen war er für die Nachfolger der 68er der „Reaktionär“ par excellence.

Das heißt, Benedikt hinterlässt eine große Lücke im öffentlichen Leben?

Ja, sein Tod läßt es im christlichen Abendland deutlich dunkler werden.

Aber es gab auch viele Kritiker, insbesondere in den grünen und progressiven Milieus…

Diese Bigotterie ist ungeheuerlich und die Rolle der Medien ein weiteres Mal unrühmlich. Ja, Missbrauch geht gar nicht. Nicht in der katholischen Kirche, aber auch nicht anderswo. Ja, es muss lückenlos und ehrlich aufgeklärt werden, um zukünftig so etwas unmöglich zu machen.

Wenn es nicht zu persönlich ist: Wie wichtig ist der Glaube in Ihrem Leben?

Sehr wichtig. Mein Glaube hat mich sicher durch tiefe Wasser und Stürme geleitet, mir immer Halt gegeben. Das ist aber nur die persönliche Ebene. Auf der gesellschaftlichen Ebene stelle ich zunehmend fest, dass der „gottlose Mensch“, wenn er sich nicht an christlichen Werten orientiert, sich allzu oft seine Ersatzreligionen erfindet sowie abstrusen Dogmen huldigt und moralisch verfällt.

Ich erinnere mich mit Dankbarkeit an die Rede Benedikts am 22. September 2011 vor dem Deutschen Bundestag und fühle mich seinen Worten an die Politiker zum Erhalt des Rechts und des „wahren Menschentums“ verpflichtet. Er äußerte damals die bahnbrechende und ewige Wahrheit: „In einem Großteil der rechtlichen zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.“

Heißt in aller Kürze: Eine Mehrheit ist kein qualitatives Güteprinzip und enthebt den Einzelnen nicht von der Verantwortung, sich ethisch und moralisch mit seiner Entscheidung und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen.

Besonders die deutschen Amtskirchen kritisieren Ihre Partei immer heftig, besonders wenn es um Migration und Integration geht. Gibt es da überhaupt eine Gesprächsgrundlage für Ihre Arbeit?

Ja wir kritisieren uns gegenseitig und reden viel über einander, aber zumeist wenig miteinander.Ich bin angetreten, um das zu ändern und Gespräche zu suchen, Brücken zu schlagen, Verständnis und Vertrauen aufzubauen. Der gemeinsame christliche Glaube bietet alles an Grundlage, was das Herz begehren kann. Ich persönlich wünsche mir eine möglichst apolitische Kirche. Es ist eine Sache, wenn man um politische Inhalte in Diskussionen miteinander ringt oder ob man von der Kanzel herab die Gesellschaft in gut und böse entlang der Trennlinie ihrer politischen Weltanschauung unterteilt und sich zum höchsten moralischen Richter aufschwingt.

Spielen religiöse Themen in der AfD überhaupt eine Rolle? Frau von Storch hat sich zum Beispiel beim Lebensschutz immer ganz klar positioniert. Ihr Parteivorsitzender Chrupalla hat erst vor Wochen in einem Interview gesagt, Abtreibung sei eine Angelegenheit, die die Frauen selbst entscheiden müssten. Klingt ein bisschen nach bunter Vielfalt…

Lieber Herr Kelle, Sie haben in Ihrem Beispiel natürlich die Extreme benannt. Jeder von uns hat ja auch noch das Recht auf eine persönliche Meinung. So bin ich zum Beispiel ebenfalls Lebensschützerin und lebe das. Zur Orientierung, wie wir als Partei als Ganzes ticken, hilft da immer ein Blick in unser Programm, um das wir in Stuttgart seinerzeit hart gerungen haben. Hinter diesem stehen wir alle, egal welche Privatmeinung wir unmaßgeblicher Weise als Individuen vertreten. Und da heißt es:

„Die AfD steht für eine Kultur des Lebens und ist im Einklang mit der deutschen Rechtsprechung der Meinung, dass der Lebensschutz bereits beim Embryo beginnt. Wir fordern daher, dass bei der Schwangerenkonfliktberatung das vorrangige Ziel der Beratung der Schutz des ungeborenen Lebens ist. Werdenden Eltern und alleinstehenden Frauen in Not müssen finanzielle und andere Hilfen vor und nach der Entbindung angeboten werden, damit sie sich für ihr Kind entscheiden können. Adoptionsverfahren sind in diesem Zusammenhang zu vereinfachen“

Nochmal zurück zur Parteipolitik. In der CDU sagt man, man stehe auf der Basis christlicher Werte, aber Politik müsse – leider, leider – die gesellschaftlichen Realitäten vor Augen haben. Teilen Sie diese Einschätzung?


Diese Einschätzung teile ich überhaupt nicht. Diese Aussage soll wohl als Erklärung für den fundamentalen Linksruck der CDU herhalten. Ich sage ganz im Gegenteil: Die gesellschaftlichen Realitäten sind ein Auswuchs des Mangels an Christentum und gelebten christlichen Werten. Und ja, der deutschen Politik stünde der christliche Wertekodex als Fundament ihres Handelns generell gut zu Gesicht. Wer in Deutschland die Bürger nicht jenseits parteipolitischer Trennlinien als seine Nächsten liebt, sollte dieses Volk nicht regieren.

Das Gespräch führte Klaus Kelle.

Bildquelle:

  • Nicole_Höchst_AfD_Petersplatz: thegermanz
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.