Getrieben oder Kontrollverlust? Als im Herbst 2015 alles außer Kontrolle geriet, versagte unsere Machtelite

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Liebe Leserinnen und Leser,

kurz vor Weihnachten ist die Zeit, wo viele von uns endlich mal ein bisschen zur Ruhe kommen. Nur drei Termine in der Woche, einer davon zum Glühwein zu trinken und warmen Apfelkuchen zu essen – das ist wie Jahresurlaub für unsereins. Ich genieße das jetzt und die kommenden ein, zwei Wochen, weil ich da ausschlafen kann, das Handy deutlich weniger summt und ich Zeit habe für Familie und die guten Freunde.

Und fürs Filme gucken.

Also nicht Fernsehen, Öffentlich-Rechtlich habe ich seit Monaten nicht mehr gesehen. Doch, vergangene Woche in Thüringen morgens in meinem Hotelzimmer. Auf dem Weg zur Dusche habe ich die Angewohnheit, das MoMa anzuschalten und im Hintergrund als Geräuschkulisse laufen zu lassen, ohne wirklich hinzuschauen. In den vergangenen Wochen habe ich dafür die ein oder andere herausragende Netflix-Serie noch ein zweites Mal geschaut. Erst „Berlin Station“ alle drei Staffeln, dann „Homeland“ die Staffeln vier bis acht. Sauspannend, politisch, ist mein Ding.

Doch vorhin schlug mir Netflix zufällig „Die Getriebenen“ an, eine ARD-Produktion, Spielhandlung, die sich mit den entscheidenden Tagen im Jahr 2015 beschäftigt, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel beschloss, die deutschen Grenzen zu öffnen für den Massenzuzug junger Männer, überwiegend aus dem islamischen Kulturkreis, der unser Land bis heute deutlich verändert hat.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch des „Welt“-Journalisten Robin Alexander, eines bestens vernetzten und wirklich herausragenden politischen Berichterstatters. Und weil ich das Buch von Robin damals nahezu verschlungen habe, das detailgenau die Entscheidungsfindungen und den Streit hinter den Kulissen der Macht in diesen dramatischen Wochen beschreibt, habe ich mir am Abend spontan auch den Film dazu angeschaut.

Was soll ich sagen? Großartig das Thema, großartig die Dramaturgie und ganz großartig einige der Schauspieler, allen voran Imogen Kogge, die Frau Merkel besser darstellt, als sie in Wirklichkeit ist. Auf jeden Fall sympathischer, im wahrsten Sinne des Wortes getrieben, um Menschen in Not Hilfe zu leisten. So ist die Geschichte, und ich weiß nicht, ob Merkels Motivation – wie hier beschrieben – vor der Geschichte Bestand haben wird. Aber tatsächlich habe ich bis heute selbst keine Erklärung dafür, warum die Kanzlerin damals all diesen Wahnsinn hat geschehen lassen, der unserem Land und so vielen Menschen so viel Leid gebracht hat. Warum hat Merkel das getan? Wollte sie eine herausragende Peron in den Geschichtsbüchern werden? Den Nobelpreis erhalten? Sich für den Spitzenposten in der EU oder bei den Vereinten Nationen empfehlen? Oder – Achtung Verschwörungstheorie! – im Auftrag Moskaus unser Land destabilisieren?

Ich weiß es nicht, vermutlich werden wir alle es auch niemals erfahren.

Ihre Entscheidung damals am Telefon, im Gespräch mit Österreichs Bundeskanzler Feyman, die Flüchtlinge unbürokratisch aufzunehmen, die sich zu Fuß auf den Weg vom Budapester Hauptbahnhof nach Wien und dann weiter nach München gemacht haben, war sicher aus der Situation nachzuvollziehen und richtig aus humanitären Erwägungen. Dem Film zufolge hatte die ungarische Regierung angekündigt, da seien 1000 Flüchtlinge zu erwarten. Im Kanzleramt stellte man sich die bange Frage, ob es nicht vielleicht sogar 3000 sein könnten. 48 Stunden später waren allein in München 15.000 angekommen, und manchem in der Bundesregierung dämmerte, dass das ein Problem werden können, das bald außer Kontrolle gerät.

Meine Lieblingsfigur in dem Film ist Josef Bierbichler, der den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Horst Seehofer überragend darstellt. Als Einziger, der es damals wagte, gegenüber der Kanzlerin deutlich zu werden und einen sofortigen Stopp des Wahnsinns forderte. Da muss es damals auch in der Realität sehr frostig zugegangen sein zwischen den beiden Alphatieren. Unvergessen, wie Seehofer die neben ihm stehende Bundeskanzlerin auf dem CSU-Parteitag abwatschte wie ein kleines dummes Mädchen.

Sie alle kennen die Geschichte in groben Zügen und wissen, wie es geendet hat. Nämlich nie. Bis heute nicht.

Irgendwann hatten sie alle Merkel so bedrängt, etwas zu tun, und Grenzkontrollen wieder einzuführen, dass der Film-de-Maiziere (Wolfgang Pregler) zusagte, mit einigen Stunden Vorlauf die Grenzen sichern zu können und zu einem geordneten Verfahren zurückzukehren. Doch dann, im entscheidenden Telefonat mit der Kanzlerin kurz davor, fragte die ihn, ob er sicherstellen könne, dass es nicht unschöne Bilder von Uniformierten geben werde, die mit Knüppeln und Wasserwerfern gegen Flüchtlinge vorgingen. Als de Maiziere das verneinte, bliesen sie die Sache ab. Und so blieben die Grenzen offen.

Getrieben, ja das waren sie damals, besonders die Kanzlerin und ihre wichtigsten Mitstreiter und Gegner, die – ganz Machtpolitiker – nebenbei noch ihr eigenes Süppchen kochten – Gabriel gegen Merkel und Söder gegen Seehofer. Aus heutiger Sicht hätte ich das Buch und den Film „Kontrollverlust“ genannt. Wie Robin Alexander in seinem Buch herausgearbeitet hat, war die politische Führung unseres Landes in dem Moment, wo es darauf ankam, vollkommen unfähig, das Richtige zu tun. Niemand wollte Verantwortung für mögliche schlechte Fernsehbilder übernehmen. Und so ließ man den Dingen ihren Lauf. Mit 300.000 heute noch geduldeten abgelehnten Asylbewerbern, mit Kölner Silvesternacht, Macheten- und Messerangriffen, Gruppenvergewaltigungen, Terroranschlägen.

Kann man das alles Angela Merkel vorwerfen? Ich denke heute, ja, das kann man. Denn sie persönlich ließ die Tore öffnen und war dann unfähig oder unwillig, diese Tore wieder zu schließen. Sie machte sich Sorgen über die schändlichen Angriffe auf Flüchtlingsheime, aber sie nahm eine überforderte und zu einem hohen Teil ablehnende Bevölkerung in Kauf für…ja, für was eigentlich?

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.