Guten Morgen! Das neue Jahr beginnt, wie das alte endete….

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Liebe Leserinnen und Leser,

Silvester verlief vielerorts so, wie das ganze Jahr 2022 war. Ich habe vorhin ein bisschen darüber nachgedacht, ob ich schonmal ein so mieses Jahr erlebt habe wie 2022, und mir ist auf Anhieb keines eingefallen.

Am Tag vor Silvester wurde einem Zeitungsverteiler in Rostock von einem Unbekannten in Messer in den Rücken gerammt. Nach sechsstündiger Notoperation konnte dessen Leben gerettet werden. Verbuchen wir das Überleben jetzt unter gute Nachricht? Oder ist die Tat ein weiterer Beleg dafür, wie kaputt unsere Gesellschaft inzwischen geworden ist?

Bundeslanzler Olaf Scholz hat seine erste Silvesteransprache an die Nation gehalten. Was er sagen würde kam morgens schon per dpa in unserer Redaktion an. Wir haben berichtet, Sie haben es gelesen, hoffe ich. Aber würde ich Zeit verschwenden, mir abends das noch anzuschauen? Wie einer da vor einer Deutschland-Fahme sitzt, die ihm nichts bedeutet, und das sagt, was jedem von uns auch eingefallen wäre. Null Überraschung, null Innovation, null Inspiration und null Aufbruch. Russland kriegt die Ukraine nicht und die Ampel macht eine tolle Politik. Frohes neues Jahr!

Früher, als ich politisch aktiv war, gehörte die Silvesteransprache von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Ritual. Fester Bestandteil einer Silvestersause. Bevor das Bierfass angestochen wurde, alle vor den Fernsehapparat und mit ernster Miene dem Kanzler der Einheit gelauscht. Für Leute, die neu in unserem Freundeskreis waren, mutete das bisweilen ein wenig seltsam an, das muss ich zugeben. Aber wer dazu gehören wollte, der hatte Helmut Kohl im Paket mit drin. Nach der zweiten Ansprache von Frau Merkel war das Thema Bundeskanzler-Rede zum neuen Jahr für mich dann aber durch bis ans Lebensende.

Um 18.30 Uhr gestern noch der traditionelle Kirchgang zum Jahresabschluss in der Gemeinde bei uns im Ort.

Gut 70 Gläubige waren da, wo früher die Bude rappelvoll war. Vorwiegend alte Leute, also solche wie ich. Es war ganz schön, ein paar Weihnachtslieder wurden gesungen, das läuft immer. Zunächst kein Wort dazu, dass am Morgen der einzige deutsche Papst der vergangenen 700 Jahre, Benedikt XVI, gestorben war. Nicht bei der Eröffnung, nicht in der Predigt (es ging darum, dass die Kirche moderner sein müsse, um bei den mordernen Menschen anzukommen). Ich beschloss intuitiv, dem Pfarrer am Morgen eine Mail zu schreiben, dass ich niemals mehr seine Kirche betreten werde wegen der Respektlosigkeit gegenüber einem großen Papst. Ich hatte den Text im Kopf schon vorformuliert, als die Fürbitten begannen, und irgendeine Pfarrgemeinde-Dame mit freudlosem Gesichtsausdruck einen Satz wagte, dass wir auch dem verstorbenen Papst gedenken…Herr, erhöre uns!

Auf dem Weg zurück zum Auto liegen vier Restaurants. Eines hatte geöffnet und auch Gäste. Die anderen waren dunkel. Kurz vorm Zuhause ein Lichtblick: der „Samos-Grill“ hatte geöffnet. Er hat gefühlt irgendwie immer geöffnet, und – ganz ehrlich – die machen phantastisch knusprige Gyros. Die Kunden standen aus dem Laden bis auf die Straße an, während die deutschen Gasthäuser dunkel und leer waren. Ich glaube nicht, dass das etwas mit der deutschen Küche zu tun hat, sondern mit der deutschen (Un-)Kultur.

Immerhin, ein unerwarteter Lichtblick: ARD und ZDF stellten ihr Silvesterprogramm eine wenig um und berichteten über den verstorbenen Papst. Ich finde es gut, dass es ihnen aufgefallen ist in den Staatssendeanstalten.

Und sonst noch?

In Berlin hat eine Pfegeheim-Besucherin versucht, eine andere zu ermorden. Polizei und Rettungskräfte in der Hauptstadt waren seit dem frühen Abend im Dauereinsatz. Die Polizei hatte zusätzlich 1100 Beamte rausgeschickt in den Wahnsinn. Besonders Neukölln scheint von Irren geradezu geflutet zu sein. Sie schießen Silvesterraketen von Balkon zu Balkon, werfen Böller in Menschengruppen schießen mit Schreckschusswaffen aufeinander und saufen sich die Rübe zu. Volk der Dichter und Denker? Vergessen Sie’s!

Auch in Berlin am Abend: Drei Kinder schließen ihre heftig streitenden Eltern in einem Zimmer ein und laufen zu den Nachbarn, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Nachbarn öffnen immhin und rufen die Polizei. Wie es ausgegangen ist, wissen wir im Moment noch nicht. Dafür kommt soeben die Nachricht rein, dass am Silvesterabend jemand in Düsseldorf erstochen worden ist.

Ein Blick auf die Schlagzeile der BILD zum besinnlichen Übergang; Wie wahrscheinlich ist ein Atomangriff Putins auf Deutschland? Da macht man gleich nochmal ein Fläschchen Sekt auf, oder? Vielleicht die letzte.

Trotz allem: Geben Sie nicht auf! Halten Sie durch und vor allem: Halten Sie und wir zusammen!

Ein glückliches, gesegnetes und gesundes Jahr Ihnen allen!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.