Guten Morgen! Was die Provinz der Großstadt (noch) voraus hat

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Ware Sie heute schon beim Bäcker, frische Brötchen (43 Cent), Croissants (1,30 Euro) für die Lieben zu Hause investieren? Investieren ist der bessere Begriff, denn bei diesen Preisen von „kaufen“ zu reden, das wäre untertrieben. 1,30 Uhr für EIN CROISSANT, aber unsere Jüngste liebt es halt zum Frühstück mit Nutella. Was willste da machen als Papa?

Wie Sie als regelmäßige Leser meiner kleinen Betrachtungen im Alltag wissen, liebe ich es, in der Provinz zu leben – mit direkter Anbindung an eine quirlige Großstadt. Als ich damals 1995 von Berlin nach Freiburg gezogen bin, war das Kulturschock pur. Nach 21 Uhr gibt’s nirgendwo mehr was zu essen außer „Veschperpladde“, Käsewürfel und Oliven. Und das, wenn man aus Berlin kommt. Auch da arbeitete ich in Freiburg und lebte in einem Dorf neben Kenzingen. Von da ging es – dann zu zweit – in einen neuen Job nach Augsburg, aber wir wohnten auch dort in einem kleinen Kaff zwischen Augsburg und Bad Wörishofen (da gab es einen sehr guten Griechen damals). Und heute sind wir am beschaulichen, katholischen Niederrhein, 27 Minuten mit dem Auto in die Innenstadt von Düsseldorf.

Und wissen Sie, warum wir immer die Provinz vor einer City, that never sleeps vorziehen? Weil das Leben mit den Mitmenschen persönlicher ist. Dieses anonyme Nebeneinander, diese latente Anonymität, das gibt es hier auch heute kaum. Vorhin auf dem Weg zum Bäcker an der Fußgängerampel ein Paar mit Hund. Sie sehen mich mürrisch (= müde) vorbeischlendern, lächeln und sagen „Guten Morgen!“. Ich antworte entsprechend, und es fühlt sich gleich besser an, obwohl ich keine Ahnung habe, wer die drei sind. Vermutlich werde ich sie nie wiedersehen, und wenn, nicht erkennen, wenn sie mal in der Schlange im Schreibwarenladen vor mir stehen.

Was ich sagen will: Mitmenschen wahrnehmen, das ist Ausdruck eines Kulturvolkes, als was man uns Deutsche ja aus irgendeinem Grund immer noch weitgehend ansieht. Wenn Sie allerdings mal in Duisburg-Hamborn waren, haben Sie diesen Eindruck sicher nicht mehr. Und wenn Sie mal in Duisburg-Marxloh waren, haben Sie auch nicht mehr den Eindruck, in Deutschland zu sein. Da grüßt man sich aber auch wieder freundlich auf der Straße morgens, allerdings nicht auf Deutsch.

Guten Morgen“ Das ist Kultur pur, und es fühlt sich gut an, wie das unverbindliche „have a nice Day!“ bei den Amis an der Supermarktkasse nach dem Bezahlen, versteht sich. Freundlich sein, Danke und Bitte sagen am Tisch, was auch vielen – insbesondere – jungen Menschen heutzutage schwer zu fallen scheint.

Wikipedia, unser Nachschlagewerk für alle Fälle, beschreibt es gut, was Freundlichkeit ist:

„Als Freundlichkeit bezeichnen allgemeiner Sprachgebrauch und Sozialpsychologie das anerkennende, respektvolle und wohlwollende Verhalten eines Menschen, aber auch die innere wohlwollende Geneigtheit gegenüber seiner sozialen Umgebung.“

Und weiter: „Ihr Gegenteil ist die Feindseligkeit oder Aversion.“

Also, seien Sie freundlich, sagen Sie „Guten Morgen!“ zu ihren Mitmenschen auf der Straße oder auf dem Behördenflur! Nicht inflationär, aber herzlich. Und schauen Sie Ihr gegenüber an, wenn Sie es sagen!

Einen freundlichen Sonntag Ihnen allen!

Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.