Haben Sie Angst?

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Liebe Leserinnen und Leser,

in was für Zeiten leben wir bloß?

Gestern Abend saß ich lange in Osnabrück mit Freunden zusammen, und wir unterhielten uns über das Elend der real existierenden Politik in Deutschland. Über das Bild des Berufspolitikers, das heute vielfach nicht mehr dem entspricht, was man sich bei der Erfindung der Demokratie einst gedacht hat. Ich fuhr mit dem Auto auf die A 1 und überlegte mir, dass ich über dieses Gespräch nachher im „Frühen Vogel“ erzählen sollte.

Weit nach Mitternacht kam ich zu Hause an, schloss die Tür auf und bemerkte, dass beim Eintreten kaum ein Temperaturunterschied festzustellen war. Draußen war es kalt, drinnen auch.

Das liegt daran, dass wir schon immer erst spät die Heizperiode begonnen haben, irgendwann im Oktober, wenn es echt ungemnütlich wird. Und so ganz schlimm ist es ja bis jetzt noch nicht. Kurz war ich versucht, zwei, drei der Heizkörper – Gas – aufzudrehen, widerstand aber der Versuchung und beschloss, nicht über deutsche Politiker und das „System“ zu schreiben, sondern über den kalten Winter, den sich Systemfeinde gern als „heißen Winter“ wünschen, der aber – ich bleibe dabei – nicht kommen wird. Die Gaspeicher in Deutschland sind voll zu über 90 Prozent. Unsere Freunde in Norwegen und den Niederlanden helfen aus, erfuhr ich im Autoradio auf der A 1, wo ich zufällig beim Deutschlandfunk hängengeblieben war.

Und wenn zwei oder drei Superschlauberger in den Sozialen Netzwerken mich jetzt spontan wieder anpöbeln, weil das ja nur für zwei Monate reiche und ich dummer Journalist keine Ahnung hätte (ich lese das gar nicht mehr, immer die gleiche Handvoll Leute), dann weiß ich das natürlich. Es reicht nur für zwei Monate, wenn nix anderes mehr kommt. Das ist aber nicht so.

Auch in der Vergangenheit galten die Gaspeicher in Deutschland nur als Reserve für den Fall der Fälle. Diese Reserve wird Deutschland im kommenden Winter vermutlich „ziehen“ müssen, um sicherzustellen, dass es warm bleibt in unser aller Wohnungen. Aber der Weltuntergang wird auch 2022 wieder ausfallen, jedenfalls wenn wir über die Energiekrise reden. Wir werden heizen, es werden nicht mehr Menschen erfrieren, als in jedem vergangenen Jahr. Schlimm genug, in einem wohlhabenden Land zu leben, wo überhaupt jemand erfriert oder öffentliche Mülltonnen nach Verwertbarem durchsuchen muss.

Die „Energiekrise“ ist eine Kostenkrise. Es wird warm sein, aber werden Sie und ich das alles bezahlen können? Das ist unser Thema. Stellen Sie sich das vor wie das Framing zu Fukushima! Das war kein Reaktorunfall, das war ein Erdbebem samt folgendem Tsunami.

Die Bundesregierung wird Geld verteilen müssen ohne Ende, und wenn in den nächsten Wochen ein Brief hier ankommt, wo unser Staat die Rückzahlung der damals gewährten Corona-Hilfen fordert, dann werde ich richtig sauer. Denn ohne die chaotische Politik damals, wo Gesundheitsexperten wie die Hühner herumflatterten und Panik verbreiteten, statt dass sich die Regierung darauf konzentrierte, die gefährdesten Gruppen besonders zu schützen, hätten wir gar keine Corona-Hilfen gebraucht. Jetzt ist exakt der falsche Zeitpunkt für staatliche Geldrückforderungen.

Kommen wir also zu Armageddon, dem jüngsten Gericht, dass uns nun zu drohen scheint, weil Herr Putin im Kreml seine Fälle davonschwimmen sieht und weiß, dass russische Anführer, die falsch entscheiden oder dramatisch versagen, keine strahlende Zukunft haben.

Und Putin hat versagt, der Krieg gegen das „Brudervolk“ in der Ukraine ist eine Schande, eine menschliche Tragödie, einzig getrieben von dem Wunsch eines verbitterten Mannes, der sich nicht als gleichwertig angesehen gefühlt hat von den Führern der Wirtschaftsnationen und insbesondere von den verhassten Amerikanern, die ihm auf fast allen Gebieten immer noch weit voraus sind. Und was machen kleine Männer, die unter Komplexen leiden? Richtig! Sie wollen es jetzt allen noch mal zeigen, was für tolle Hechte sie sind. Problem: der Kriegsverlauf im Süden und Osten der Ukraine zeigt, dass es gar nicht so tolle Hechte sind, die da einmarschierten und Terror gegen die ukrainische Bevölkerung veranstalten, die sich bewundernswert und leidenschaftlich dagegen wehrt, zukünftig unter der Herrschaft von Barbaren leben zu sollen.

Die Mobilmachung von 300.000 Soldaten in Russland ist beunruhigend, aber es wird nichts daran ändern, dass Putin persönlich schon jetzt gescheitert ist, eine tragische Figur, ein Menschenschinder, der den großen Krieg nach 77 Jahren wieder nach Europa zurückgebracht hat. 300.000 Soldaten sind eine ganze Menge, aber naiv zu glauben, dass Kriege noch durch Masse an Soldaten entschieden werden. Sie können zerstören, foltern, morden und vergewaltigen, um die angeblichen Faschisten in einer „Spezialoperation“ zur Strecke zu bringen – allein schon das lächerliche Wording – aber die Sowjetunion wird niemals wiederkehren, und jetzt ist nicht die Zeit für „German Angst“ und Unterwerfungsgesten, wie diese peinlichen drei…ach, damit fange ich jetzt gar nicht an.

Patriotismus ist in unseren Kreisen ein Wort, das einen verdammt guten Klang hat. Jetzt ist die Zeit, dieses Wort mit Leben zu erfüllen, nicht mit Fahnenschwenken und kernigen Sprüchen zu banalisieren, sondern die Mehrheitsgesellschaft trotz aller Unterschiede im Denken und Leben und Wählen, zusammenzubringen. Es gibt auch andere, die sich selbst als Patrioten verstehen, aber die ihr eigenes Land abgrundtief hassen. Weil es nicht so tickt, wie sie es gerne hätten. Sie hassen Politiker und Regierung, sie hoffen auf den Zusammenbruch der Währung, des Rechtsstaates, der Energieversorgung, sie hassen Scholz und Baerbock und Habeck und Lauterbach. Und Freunde, ich habe niemanden von denen gewählt, das dürfen Sie mir glauben. Aber automatisiertes Hassen von allem, was nicht so ist, wie man es selbst gern hätte, das bringt uns alle nicht weiter.

Wird Putin einen Krieg mit der NATO wagen? Leider kann man es nicht ganz ausschließen, aber ich halte die Wahrscheinlichkeit weiter für gering, weil er selber weiß, wie sein Land, wie die russischen Städte, wie sein geliebtes – wenn er zu sowas fähig ist – St. Petersburg nach einem Dritten Weltkrieg aussehen wird. Nur das ist kein Grund zur Freude, denn ein großer Krieg ist kein Fußballspiel. Es wird keine Gewinner und Verlierer geben. An der Welt danach wird kein Mensch mehr Freude haben.

Ich hoffe, dass irgendjemand in Moskau einen Weg findet, das Problem mit diesem Mann zu lösen und uns alle Armageddon zu ersparen. Ein Dritter Weltkrieg, und wir müssen über Heizkosten, Corona und Gendersternchen nicht mehr sprechen. Dieser Wahnsinn, den Russland da veranstaltet, muss aufhören, der Krieg muss enden, am liebsten noch heute! Aber nicht durch Unterwerfung, nicht durch Verbeugen vor der Macht des Skrupelloseren.

Mit besorgten Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.