Haben wir nicht eigentlich längst schon verloren?

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Liebe Leserinnen und Leser,

in einer Großstadt im Ruhrgebiet versammeln sich heute Abend 400 politisch interessierte Menschen, die man dem bürgerlichen Lager zurechnen kann. Ich lade diese Leute jedes Jahr zu diesem großen Netzwerktreffen ein, um mit ihnen zu beraten, wie die aktuelle politische Situation in unserem Land ist, und was uns verbindet und was wir tun können, um Deutschland auf einen anderen Kurs zu bringen.

Eine Woche nach der Bundestagswahl mit diesen ernüchternden Ergebnissen gibt es viel zu reden. Mein Thema wird sein: Haben wir nicht eigentlich längst verloren?

Die Wahlergebnisse zeigen eindeutig, dass diese Gesellschaft fest auf Linkskurs ist, dass Klima, Gender, Migration für eine Mehrheit deutlich vorrangig ist vor Innerer Sicherheit, Leitkultur und der Ehe aus Mann und Frau mit Kinderwunsch.

Machen wir uns nichts vor – das Deutschland, in dessen Erinnerungen viele von Ihnen und auch ich gerne schwelgen, wird nicht mehr zurückkehren. Die Zeiten, in denen ich morgens mit einem Transistorradio zur Arbeit fuhr, um im Büro die Bundestagsdebatten mit Kohl und Brand, mit Strauß und Wehner zu verfolgen, die sind vorbei. Unwiederbringlich. Jetzt haben wir Baerbock, Laschet, Esken und Maas – viel Vergnügen, aber ohne mich. Jedenfalls als politischer Aktivist. Als Journalist werde ich den politischen Prozess begleiten und auch über die genannten Personen schreiben. Aber ich erwarte nichts von denen, gar nichts.

Die Konservativen haben keine Chance mehr auf politischer Teilhabe in diesem Land. 10,3 Prozent hat die AfD errungen, sie könnten 15 und mehr haben, wenn sie sich überzeugend vom rechten Schmutzrand lösen. Aber dazu fehlt ihnen die Kraft. Die Union ist total ausgemerkelt und als Gestaltungskraft tot. In dieser Aufstellung, ohne klares politisches Profil erledigt, unwählbar. Die FDP hat den schönsten Vorsitzenden, knapp vor dem von den Grünen, der ist auch schön. Und die FDP hatte jetzt die besten Plakate knapp vor denen der AfD, die aber auch wirklich intelligent waren.

Deutschland wird seit Jahren links regiert, und Deutschland wird auch in Zukunft links regiert. Das ist die Wahrheit. Und es ist folgerichtig, weil die Leute in großer Zahl so wählen, wie sie wählen und dafür genau die (falsche) Politik bekommen, die sie offenbar haben wollen.

Ich sage Ihnen, wenn sich hier etwas ändern soll, wenn es überhaupt noch möglich ist, dass sich etwas zum Guten ändert, dann reicht es nicht, Herrn Laschet auszutauschen gegen Herrn Merz. Es reicht nicht, in einer ökosozialistischen Regierungskoalition mit Roten und Grünen ein paar Magenta-Einsprengsel als Feigenblatt vorzuzeigen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es ein langer Weg wird, ein langer und steiniger Weg.

Und dieser Weg führt nicht über Parteitage und Postengerangel in irgendwelchen Präsidiumsdiskussionen. Dieser Weg muss klar und kompromisslos für die gute Sache gegangen werden. An der Basis, in der Gesellschaft, direkt bei den Leuten. Denen müssen wir ohne Rumeierei sagen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Wir müssen Netzwerke schaffen, alternative Medien ausbauen und kluge Köpfe finden, die unsere Anführer werden und die keine Leichen im Keller haben. Gar nicht so einfach.

Vielleicht ist es schon zu spät, aber es wäre einen Versuch wert.

Und über diesen Versuch sprechen und streiten wir am Wochenende. Ich freue mich sehr darauf. Trotz allem.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.