Hätten Sie gern Merkel, Altmaier und Maas zurück?

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Liebe Leserinnen und Leser,

„hättest Du in dieser Lage gern Merkel, Altmaier und Maas da sitzen“, fragt mein alter Freund Manu, als wir das zweite Bier in unserer Bielefelder Stammkneipe bestellen, und er setzt nach: „…oder AKK?“ Nein, hätte ich definitiv nicht, weder in dieser Krise, noch bei irgendeiner anderen Krise. Auch nicht, wenn überhaupt keine Krise wäre. Es ist gut, dass die Jahre der Merkel-Regentschaft und der Großen Koalitionen vorbei sind, egal, was nun kommt.

Manu ist ein Liberaler, er hat durchgehalten bei der FDP bis heute. Ich mag treue Menschen sehr. Und ich weiß, wie selten treue Menschen geworden sind heute. Als sich abzeichnete, dass Deutschland nun von einer rot-grünen Regierung mit gelber Beteiligung regiert werden soll, war Manu strikt dagegen. Das kann nicht funktionieren, wirtschaftliche Vernunft, Freiheitsrechte und dann Rot-Grün – das ist die Quadratur des Kreises. Unmöglich.

Aber sie regieren jetzt. Und sie lernen in atemberaubenden Tempo, dass Ideologie in der Wohlfühlblase etwas anderes ist, als wenn man kurz vor Ausbruch eines Krieges nach Moskau fliegt und einen schlecht gelaunten und erfahrenen Außenminister wie Sergej Lawrow gegenüber sitzt. Da sind 60 Geschlechter, evangelische Kirchentage und der Schutz von Feldhamsterpopulationen plötzlich ganz, ganz weit weg.

Und die Betrachtungsweisen auch im bürgerlichen Lager ändern sich auf erstaunliche Weise. Ich treffe zunehmend Menschen in meinem Umfeld, die mir sagen, dass sie finden, die persönliche Art der Regierungsführung sei doch „gar nicht so schlecht“ bei der Ampel. Damit meinen sie nicht die Politik an sich – für oder gegen Ukraine, Aufhebung der Maskenpflicht oder nicht, und so weiter -, sondern: Machen Scholz, Habeck, Baerbock und Lindner persönlich in ihren Ämtern einen guten Job für Deutschland? Und ja, das machen sie. Bisher jedenfalls. Und kommen Sie mir bitte nicht mit Frau Baerbocks Lebenslauf und Scholz‘ Cum-Ex – nennen wir es – Wegsehen! Darum kümmert sich der Staatsanwaltschaft, meinetwegen ein Untersuchungsausschuss. Wenn es da was aufzuklären gibt, immer her damit!

Und ich teile die politische Agenda der Ampel-Koalition nicht. Ich habe weder Rot noch Grün gewählt und habe das auch nicht vor. Aber es geht doch nicht darum, dass wir uns in unserer eigenen Blase ständig um uns selbst drehen. Gerade in diesen Zeiten brauchen wir eine Regierung, die handlungsfähig ist. Zu Jahresbeginn hatten wir das nicht in Deutschland, jetzt haben wir das. Annalena Baerbock übertrifft meine Erwartungen nach ihrem grottenschlechten Wahlkampf bei weitem.

Habeck, Lindner, Scholz, sie machen ihren Job. Aus ihrer politischen Welt heraus, die nicht meine ist, aber ausgestattet mit einer Mehrheit, zustande gekommen durch das vorherige Komplettversagen der unionsgeführten Regierung und einer CDU, der es wichtiger war, Friedrich Merz zu verhindern, als Deutschland weiter regieren zu können.

Uns Sie kennen meine jahrzehntelange Verbundenheit mit der Union, aber: Es ist gut, dass sie jetzt in der Opposition sitzen. Plötzlich höre ich im Bundestag wieder Reden, wo ist das Gefühl habe, dass sich der ein oder andere in CDU und CSU doch noch für Politik interessiert.

Baerbock beim G7-Außenministergipfel, Baerbock in Moskau und Kiew, Baerbock vor der UN-Vollversammlung, Baerbock gestern Abend bei Anne Will – ob sie sich mal verspricht, ob ihre Stimme zu hoch ist, wie das mit ihrem Studium in England war – sie macht ihren Job als Bundeaußenministerin bisher wirklich gut, und sie vertritt unser Land international bisher ohne Fehler. Sie wollen Heiko Maas zurück? Bitte sehr, wählen Sie ihn zurück beim nächsten Mal! Ist ja Demokratie hier.

Wir haben nicht die Regierung, die ich persönlich wollte oder gewählt habe. Aber es fällt mir keine Zacken aus der Krone, anzuerkennen, dass sie ihren Weg jetzt gefunden haben und arbeiten. Und ja, ich bin immer noch dafür, unsere Wirtschaft nicht dem Klimawahn zu opfern, bin gegen Massenmigration aus Afghanistan und Syrien, bin gegen die Frühsexualisierung unserer Kinder, wünsche mir eine starke und einsatzfähige Bundeswehr und die Aufhebung aller Corona-Maßnahmen. Da hat sich nichts geändert. Aber diese Bundesregierung ist bisher nicht schlechter als die davor. Sie ist besser.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.