Hatten Sie früher auch einen Aktenkoffer?

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Eigentlich wollte ich Ihnen jetzt ein paar begleitende Sätze in den neuen Tag über ein Thema zu schreiben, das mich schon vor zwei Wochen mal gedanklich beschäftigt hat: Wann und wieso ist eigentlich der Aktenkoffer aus der Mode gekommen? Belanglos, oder? Dennoch spannend für jemanden wie mich, dem man in der Ausbildung zum Redakteur beigebracht hat, dass die eigentliche Kunst des Journalistenhandwerks ist, interessante Geschichten überhaupt zu erkennen. Alles andere – Einstieg schreiben, Texte kürzen, Rechtschreibung, Überschriften – kann man lernen. Geschichten erkennen nicht. Entweder kann man es oder man kann es nicht. Darüber habe ich übrigens 2017 in meinem Buch „Bürgerlich, christlich sucht…“ ausführlich geschrieben, das Sie sicher alle bereits besitzen.

Aber wirklich, vor 30, vielleicht 40 Jahren hatte jeder (Mann) irgendwie einen Aktenkoffer. Der lag auf dem Rücksitz im Auto, damit ging man zum Versicherungsmakler oder zur Sparkasse, um eine Dispo-Erhöhung zu verhandeln, und – Sie wissen bald alles über mich – zum Unterricht in der Oberstufe ging ich mit schwarzen Aktenkoffer in die Schule. Lange Haare, dunkles Jackett, Hemd und Aktenkoffer. Paar Bücher drin, Schreibutensilien, Taschenrechner. Das hätte alles auch in eine kleinere Tasche gepasst, aber es war cool, zumal für den Chef der Schüler Union-Gruppe am Gymnasium an der Hermannstraße in Bad Salzuflen. Und ein paar Flugblätter hatte ich natürlich auch immer drin. Und Aufkleber „Freiheit statt Sozialismus“ von der CDU, die Sozialismus immer doof fand, bis Frau Merkel kam. Ja, gute alte Zeit. Aber es ist schon spannend, darüber nachzudenken, wie so ein Trend entsteht, und wie er dann urplötzlich wieder verschwindet.

Aber darüber will ich jetzt nicht weiter philosophieren, denn es gibt ein anderes Thema von Relevanz: Heute ist der 6. März, ein ganz besonderer Tag. Heute vor 39 Jahren wählten 48,8 Prozent der Wähler CDU und CSU und bestätigten damit Helmut Kohl als Bundeskanzler, der nach einem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt bereits ein paar Monate im Amt war. Das nennt man Vertrauensvorschuss. Ich saß im Wohnzimmer meiner Eltern im kleinen Ortsteil Sylbach vor dem Fernsehgerät und sah zu, wie Kohl unter Beifallstürmen und „Helmut, Helmut“-Sprechchören ins Konrad Adenauer-Haus – damals natürlich noch in Bonn – einzog. Und ich weinte. Allen Ernstes. Ein junger Mann, Schüler Union, Junge Union, gerade beim RCDS in Bielefeld angefangen, jüngster Stadtrat in Nordrhein-Westfalen mit 19 Jahren – und dann war es endlich soweit: den Sozialismus verhindert, die geistig-moralische Wende erkämpft. Sie uns ich, wir wissen, wie es ausging: der Sozialismus lebt leider immer noch in den Köpfen mancher Landsleute, und Geist und Moral bringe ich mit der aktuellen Politik nur noch selten zusammen.

Nebenbei bemerkt: an diesem Abend hätte ich auch weinen können, weil zum ersten Mal Die Grünen in den Deutschen Bundestag einzogen mit Sonnenblumen, Zottelbärten und dem Klappern der Sticknadeln im Plenarsaal. Doch niemand ahnte damals, dass diese harmlos versponnene Mixtur aus Atomkraftgegnern, Maoisten und Feministinnen unsere Republik so dramatisch verändern würden, wie sie es dann taten – das alte Deutschland bis zur Unkenntlichkeit auf den Kopf stellen.

Und damit komme ich zum eigentlichen Thema, über das ich heute für Sie schreiben möchte.

Heute ist Geburtstag. TheGermanZ wird ein Jahr alt. Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem Schritt, hat irgendein kluger Chinese mal formuliert, vermutlich Laotse, Begründer des Taoismus, im Jahr 6 vor Christus. Keine Ahnung, wer sich anmaßt, das festgestellt zu haben und zu behaupten, aber nehmen wir es einfach mal hin. Für Sie vielleicht ein schöner Anlass, sich wieder einmal selbst zu vergewissern, dass man alles hinterfragen sollte, bevor man es glaubt.

Wir haben das erste Jahr geschafft, und es war schwerer als ich gedacht habe damals. Eine Online-Tageszeitung ist harte Arbeit, ist rund um die Uhr informiert zu sein, ist immer ansprechbar zu sein, das große Ganze im Blick zu haben. Klar, könnten wir noch viel mehr machen, klar wäre ein tägliches Video schön und ein Podcast – wird alles kommen. Aber leider ist das nur in kleinen Schritten möglich, so lange wir jeden Cent umdrehen müssen vor dem Ausgeben und nebenbei Prozesse führen und Hackerangriffe abwehren.

Als Donald Trump ein paar Monate im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten war, sagte er mal in einem Interview sinngemäß, er hätte nicht gedacht, dass dieser „Job“ so viel Arbeit bedeute. Das klang schon fast bedauernd, den Job übernommen zu haben. Aber klar, jeden Morgen stehen da die Herrschaften vom Nationalen Sicherheitsrat mit dem „Early Bird“ vor der Tür, der Mappe mit den aktuellen relevanten Nachrichten rund um den Globus. Den Early Bird, den wir hier „Frühen Vogel“ nennen, und den ich mir jeden Morgen um 6.30 Uhr selbst zusammenstelle, während ich die ersten drei Tassen Kaffee dazu trinke.

Schönen Sonntag!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.