Homosexuell vs Konservativ – Wer erfährt mehr Toleranz in unserer Gesellschaft?

Eine Gesellschaft, bunt und vielfältig: Aber wie tolerant ist sie wirklich?
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von JULIAN MARIUS PLUTZ

BERLIN – Wer zu lange „everybody’s darling“ war, wird irgendwann zu „everybody’s depp“. Diese Weisheit von Franz-Josef Strauß kennt auch David Berger. Der Theologe, der katholische Religionslehre unterrichtete, musste seinen Platz als schulischer Pädagoge räumen, als Deutschland und sein Vorgesetzter etwas erfuhr, was niemanden etwas anging: Seine Sexualität, genauer, seine Homosexualität.
Was folgte waren deutschlandweite Solidaritätsbekundungen, ein Bestseller und neue Jobmöglichkeiten. So wurde Berger Chefredakteur des inzwischen eingestellten Schwulenmagazins „Männer“. Er war everybody’s darling, bis er sich erneut outete. Dieses Mal ging es um seine Einstellung zu Werten: Herr Berger ist konservativ. Vermutlich war er es schon immer, doch nun trug er seine Haltung in weniger geneigte Kreise, in die linke LGBTQ Blase mit hinein, in der recht häufig der allseits beliebte Dreisatz gilt: Konservativ = rechts = Nazi.

Toleranz um jeden Preis, so lange man die richtige Meinung hat

So geht es vielen Homosexuellen. Auch mein Outing als konservativer, also „umstrittener“ Autor verlief und verläuft alles andere als reibungslos. Die Arbeit wird nicht wertgeschätzt, man wird nicht zitiert und aus Diskussionen ausgeladen, falls man überhaupt eingeladen wird. Oftmals von denen, die sich als entsetzlich tolerant geben, die im Zweifel, wie Peter Hahne einmal schrieb, am liebsten „Toleranz“ mit zwei „L“ schreiben wollen. Tolleranz im Tollhaus.

Alles finden sie „toll“, jede sexuelle Merkwürdigkeit muss man toll finden, den Christopher Street Day müssen Eltern toll finden, wenn ihre Kinder mit allerhand Fetischen in Berührung kommen. Doch die Toleranz endet jäh, wenn es um abweichende Meinungen geht. Abseits von links ist das alles gar nicht mehr toll.

„Umstritten“ ist das neue „Nazi“

Natürlich gibt es auch innerhalb der Linken Ausnahmen. Sei es Sahra Wagenknecht, aber auch Wolfgang Thierse, der schon mal mit einem Essay in der FAZ die ganzen Woke-Linken zum kochen bringt; bis hin zu Empfehlungen selbiger, der ehemalige DDR Bürgerrechtler solle doch die SPD verlassen. Sein Vergehen: Er weigert sich, Identitätspolitik als Kern sozialdemokratischer Politik zu sehen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass er, neben Günter Wallraff, einer der wenigen Linken war, die den „Appell für freie Debattenräume“ unterschrieben hatte. Doch das können die Neulinken nicht verstehen.
Und so sitzt man in trauter Gesellschaft und erzählt, dass das Outing als Homosexueller zwar nicht einfach, aber im Gegensatz zum Outing als Konservativer ein Klacks war.

Leere Gesichter voller Unverständnis blicken einen an. Leute, die sich niemals vorstellen können, mit einer abweichenden Meinung Probleme zu bekommen, können nicht wahrhaben, was nicht sein darf. Es hat schon seinen Grund, warum der Herausgeber dieser Online-Tageszeitung mich als erstes gefragt hat, inwieweit mein Arbeitgeber mit meinem Treiben als umstrittener Autor zurechtkomme.

Konservativ sein als Verbrechen

Undenkbar im Jahr 2021 wäre diese Frage: „Hat dein Chef ein Problem damit, dass du schwul bist?“ Sicher, Ausnahmen wird es geben, wie es immer Ausnahmen gibt. Aber es bleibt dabei: Schwulenhass gilt in den allermeisten Milieus, von arabisch geprägten Communitys einmal abgesehen, völlig zurecht als Tabu. Die dunklen Zeiten, in denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung gehasst und geächtet und letzten Endes von Job und Gemeinschaft geschasst wurden, sind – Gott Lob – vorbei. Doch der Hass gegen andere, abweichende Meinungen etabliert sich gerade und wird zum festen Bestandteil deutscher Debattenkultur.

Ähnlich geht es auch der israelisch-amerikanischen Schriftstellerin Orit Arfa. Zwar spricht sie auch von handfesten antisemitischen Begegnungen, so kommt es vor, dass sie von Nutzern auf Datingplattformen geblockt wird, wenn sie sagt, sie sei aus Israel. Doch auch sie erlebt den größeren Hass, wenn sie ihre Meinung äußert, die jenseits vom Mainstream liegt. So war sie ein Unterstützerin von Donald Trump, gab der AfD eine Chance und befürwortet den Siedlungsbau in Israel. Aufgrund dessen, so Frau Arfa, habe sie „viele berufliche Möglichkeiten und soziale Kontakte“ verloren. Für die Deutschen war ihr „größtes Verbrechen (…) konservative Meinungen zu haben“. Mir kommt das sehr bekannt vor
.
Debattenkultur neu lernen

Die Deutschen haben es verlernt, falls sie es jemals konnten, andere Meinungen auszuhalten. Als staatskritische Person, früher vor allem eine linke Disziplin, ist man bereits mit einem Bein im Rechtsextremismus. Ich bin froh, dass es Honosexuellen heute meistens kaum Probleme bereitet, so zu sein, wie sie sind. Gleichzeitig hoffe ich, dass abweichende, konservative Meinungen in Deutschland den gleichen Stellenwert haben, wie alle anderen Standpunkte. Artikel 3 des Grundgesetzes gilt schließlich für alle.

Bildquelle:

  • Lego_Menschen: pixabay
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