Ich wünsche mir junge politische Talente, die noch ein Leben neben ihrer Partei haben

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich habe so etwa jeden Abend um diese Zeit ein festes Ritual. Irgendwann nach 23 Uhr, meistens später als jetzt, koche ich mir einen frischen Kaffee, fahre mein Laptop hoch und schaue, wie die Nachrichtenlage so ist. Es ist jetzt gerade 23.11 Uhr, und bis Mitternacht will ich immer meinen „Frühen Vogel“ für Sie geschrieben haben. Jede Nacht ein Thema, das Sie interessiert. Nichts ist geplant, nichts ist am Vormittag schon überlegt, ich lasse mich spätabends von meinen Fingern auf der Tastatur einfach treiben.

Eben habe ich eine liebe Kollegin aus der Redaktion zu Hause angerufen und gefragt, ob Sie eine Idee habe, was sich aktuell als Thema anbietet für den „Vogel“. Spontan schlug sie vor, eine aktuelle Debatte bei den Koalitionsverhandlungen aufzugreifen: die wahrscheinliche Legalisierung von Cannabis. Wenn wir fordern, an alle Bürger kostenlos Cannabis zu verteilen, dann könnte die Bevölkerung unser derzeitiges politisches Spitzenpersonal in Deutschland besser ertragen…. Keine schlechte Idee, dachte ich spontan, aber vielleicht doch nicht ganz rund.

Die Themenlage der anderen wichtigen Tageszeitungen in Deutschland – BILD und WELT – bietet nichts Überraschendes, der tägliche dpa-Kalender ist aber immer eine gute Quelle für solche Momente im Redakteursdasein am späten Abend. Wussten Sie, dass Angela Merkel genau vorgestern vor zehn Jahren als erster deutscher Bundeskanzler die Mongolei besucht hat? Warum ist sie damals bloß nichts dort geblieben – das könnte ein heiteres Thema zum Start in den Tag sein. Oder gestern vor fünf Jahren wurde in Tübingen erstmals in Deutschland eine Gebärmutter transplantiert. Und am 14. Oktober 1926 erschien das erste Buch «Winnie The Pooh» von Alan Alexander Milne in London.

Aber da wir gerade bei Kindereien sind: Ich schreibe etwas über Fräulein Sarah-Lee Heinrich von der Grünen Jugend. Die Bundessprecherin des Öko-Parteinachwuchses hat gestern Deutschland wissen lassen, dass sie sich nicht „aus der Öffentlichkeit zurückziehen“ werde. Ganz ehrlich: Ich wusste gar nicht, dass sie überhaupt in der Öffentlichkeit ist. Oder kannten Sie die junge Dame, bevor in dieser Woche ihre selten dämlichen Tweets als 13-Jährige und ihre politische Naivität, gepaart mit Arroganz gegenüber weißen Männern wie mir bekannt wurden.

Sarah-Lee, ich denke, es ist ihr recht, wenn ich sie mit Du anrede, hat außer einem übersteigerten und durch nichts zu rechtfertigenden Selbstbewusstseins ganz offenbar nichts drauf. Wenn ich so höre, was sie in den vergangenen Tagen von sich gegeben hat, dann kenne ich viele Kreisvorsitzenden der Jungen Union, die erheblich politischer sind und vor allem: die substantiell Gedanken formulieren können. Nur: Die werden es niemals ganz nach oben schaffen in der CDU – danke, Angela, danke, Armin! Aber Fräulein Heinrich hat das Zeug zu einer ganz großen politischen Karriere. Weil sie ist jung, weiblich und nicht weiß – das reicht mindestens für einen Job als Staatssekretär_*Ix später.

Ich frage mich wirklich, wann wir endlich mal wieder politischen Nachwuchs haben mit einem fundierten Allgemeinwissen, einer Ausbildung oder einem abgeschlossenen Studium oder einer Familie, also Menschen, die nicht der tradierten roten Linie folgen: Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal. Die ein Leben haben abseits der Politik. Solche würde ich mir in Verantwortung für unser Land wünschen.

Darüber unterhalten wir uns demnächst noch ein wenig ausführlicher, denke ich. Jetzt schlafen Sie erstmal gut!

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.