BERLIN – Es ist ein Bild von beklemmender Symbolkraft: Beim „8. Deutsch-Ukrainischen Wirtschaftsforum“ im Haus der deutschen Wirtschaft nahe dem Nikolaiviertel im Berliner Bezirk Mitte sitzen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj angeregt im vertraulichen Gespräch nebeneinander. Nur wenige Sitzreihen hinter ihnen sitzt eine Frau mit wachem Blick, die inzwischen in ganz Deutschland als „Ilona W.“ bekannt ist. Denn die 56-Jährige sitzt in Untersuchungshaft – aufgeflogen und enttarnt als russische Spionin.
„Ilona W.“, das ist der von den Sicherheitsbehörden für die Medien herausgegebene Name.
Tatsächlich lebte die Deutsch-Ukrainerin in Berlin unter dem Namen Ilona Wiesner. Ob das ihr richtiger Name ist oder ein Tarnname, den ihr ihr russischer Führungsoffizier verpasst hat, ist zur Stunde nicht bekannt.
Die Fotos von der beunruhigenden Szene im Haus der deutschen Wirtschaft zeigen u. a., wie die Agentin den Kanzler aus unmittelbarer Nähe filmt. Diese Szene dürfte einige Nachbesprechungen beim Personenschutz des BKA nach sich ziehen.
Führungsoffizier von Frau Wiesner war bis zur Aufdeckung Oberst Andrei Mayorov, in der russischen Botschaft in Berlin als stellvertretender Militärattaché akkreditiert. Tatsächlich ist der Mann den deutschen Sicherheitsbehörden als hochrangiger Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU bekannt, der mehrere gegen Deutschland gerichtete Spionagenetzwerke gesteuert hat.
„Ilona W.“ war nach aktuellen Medienberichten Vorsitzende der Berliner „Bundesvereinigung der binationalen Gesellschaften e. V.“, eine Art Dachverband, der weitere Vereine koordinierte und sich angeblich für „Völkerverständigung“ und „internationale Zusammenarbeit“ engagiert. Dem Kuratorium und Vorstand des Vereins sollen laut Recherchen des Spiegel hochkarätige Persönlichkeiten angehört haben, darunter ein ehemaliger Direktor aus dem Bundesverteidigungsministerium sowie Akteure aus dem Dunstkreis des mittlerweile aufgelösten „Petersburger Dialogs“.
Die Festnahme der deutsch-ukrainischen Staatsangehörigen in ihrem Wohnhaus in Berlin-Zehlendorf durch Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) wirft ein Schlaglicht auf die russischen Spionageaktivitäten in Deutschland.
Beim BKA sieht man den Fall „Ilona W.“ als Musterbeispiel einer sogenannten „Access-Agentin“, die die Möglichkeiten der offenen freiheitlichen Demokratie ausnutzt und als Waffe in Putins hybridem Krieg gegen Deutschland einsetzt.
Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft gegen „Wiesner“ wiegen schwer. Spätestens seit November 2023 soll sie in direktem Kontakt mit dem GRU gestanden haben.
Ihr Auftrag: einfach dabei sein
Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, dass sie nicht nur bei der IHK im Haus der deutschen Wirtschaft Veranstaltungen besucht hat, sondern auch bei kleineren bürgerlichen Netzwerken von Unternehmern und Politikern. Auch bei Veranstaltungen der angesehenen Konrad-Adenauer-Stiftung sei sie dabei gewesen und – so Zeugen – schrieb eifrig mit.
Besonders dreist: „Ilona W.“ soll auch ihrem Führungsoffizier Mayorov unter Alias-Personalien Zutritt bei politischen Events in der Hauptstadt verschafft haben.
Ein Netzwerk in die Bundeswehr
Brisant sind mögliche Verstrickungen der GRU-Spionin, die private Kontakte mit ehemaligen Mitarbeitern des Bundesverteidigungsministeriums hatte. Unter den Verdächtigen, deren Wohnungen im Havelland, in Ahrweiler und München durchsucht wurden, befindet sich ein erst kürzlich pensionierter Stabsoffizier der Bundeswehr.
„Ilona W.“ soll Standorte der deutschen Rüstungsindustrie, sensible Details zu Drohnentests der Bundeswehr und – strategisch am wichtigsten – Zeitpläne und Routen für geplante Drohnenlieferungen an die Ukraine weitergegeben haben. Sie hat dafür nach Erkenntnissen der Ermittler kein Geld erhalten, sondern aus Überzeugung gehandelt. Sie bot zeitweise ihre Dienste als Marketingmanagerin an und lebte über Jahre von Sozialleistungen in Berlin. Sie arbeitete gegen das Land, das sie finanzierte.
Deutschland erlebt aktuell eine massive Zunahme hybrider Angriffe aus Russland, die weit über die bekannte klassische Spionage hinausreicht. Das beginnt beim Sammeln von Informationen und Daten für Personaldossiers, um Erpressungspotenziale gegen deutsche Politiker zu finden oder zu konstruieren. Dazu gehören Bot-Netzwerke in den sozialen Medien, die – oftmals ohne zu begreifen, dass sie als Moskaus nützliche Idioten eingesetzt werden – daran arbeiten, unsere Gesellschaft zu spalten. Und zu all dem gehört natürlich das Ausspähen von Standorten von Rüstungsbetrieben und möglichen Anschlagszielen.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) spricht im Fall von „Ilona W.“ von einem „besonders schweren Fall“, und es ist davon auszugehen, dass noch viel mehr dazu herauskommen wird. Immerhin: Der Zugriff des BKA erfolgte nach Hinweisen des Verfassungsschutzes und des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) der Bundeswehr. Das deutsche Abwehrnetz scheint besser als sein Ruf zu sein.
Bildquelle:
- GRU-Spionin_Ilona_Wiesner: linkedin
