In Corona-Zeiten nach Hanoi reisen: Ich bin jetzt bei der „Blue-Man-Group“

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von MATTHIAS KAISER (z. Zt. Hanoi)

HANOI – Seit nunmehr sieben Jahren bin ich beruflich sehr oft in Vietnam. In den acht bis zwölf Wochen jährlich habe ich so ziemlich das ganze Land bereist, bin auf kleinen Regionalflughäfen gelandet oder viele Stunden mit dem Kleinbus durch die Provinzen gefahren. Natürlich kenne ich auch die großen Metropolen wie Hanoi, Da Nang oder Saigon (Ho Chi Minh City) ganz gut, habe das
eine oder andere Lieblingslokal abseits der bisherigen Touristenströme und werde gelegentlich auch von Dolmetschern oder Geschäftspartnern privat eingeladen. Der geneigte
Leser würde also sagen, ich kenne Land und Leute ein klein wenig.

Meine Arbeit in einem vietnamesischen Regierungsprojekt gibt mir auch einen bescheidenen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des Landes.

Durch die weltweite Pandemie ist ein Land wie Vietnam ganz besonders hart betroffen, hat es doch in den vergangenen zehn Jahren verstärkt auf touristische Angebote für Europäer und
Amerikaner gesetzt. Die staatseigene Airline hat viele neue Flugzeuge in Europa und Amerika gekauft und die Wachstumsraten waren schwindelerregend. All das ist verständlicherweise jetzt auf nahezu null reduziert, denn der durchschnittlich verdienende Vietnamese kann sich Vier- und Fünf-Sterne-Hotels nicht wirklich leisten. So stehen also noble Hotels und Ressorts in den
touristischen Hochburgen, entlang der Küste des südchinesischen Meeres leer, und das Personal wurde komplett entlassen. Viele meiner Dolmetscher arbeiteten freiberuflich regelmäßig
als Reiseführer für deutsche Touristengruppen. Auch die haben derzeit kein Einkommen.

Wie geht die vietnamesische Regierung mit der Lage um? Kann dieses Ein-Parteien-System (ich vermeide bewusst das Wort „kommunistisch“, denn ich erlebe hier eher ein marktwirtschaftliches System mit nur rudimentärem Sozialstaat) mit seinen zentralistischen und autoritären Strukturen ein Vorbild für uns in Europa sein? Ich habe lange darüber nachgedacht und bin, ehrlich gesagt, noch zu keiner klaren Bewertung gekommen. Ich möchte auch Ihnen, den Lesern, die Möglichkeit bieten, diese Einschätzung selbst für sich vorzunehmen.

Unter Pandemiebedingungen bin ich jetzt das zweite Mal im Land, vergangenes Jahr im Oktober/November und jetzt vor wenigen Tagen eingereist. Derzeit beginnen Reisen nach Vietnam mit viel Bürokratie. Zuerst braucht man eine staatstragende Einladung der Regierung oder anderer wichtiger Organisationen, um überhaupt einen Visaantrag stellen zu können. Der Antrag muss dann auch persönlich im Außenministerium in Hanoi abgegeben werden. Ohne zuverlässige und gut vernetzte Partner vor Ort ist das fast unmöglich. Das Außenministerium gibt dann den Antrag zur Prüfung an die zentrale Gesundheitsbehörde weiter, diese wiederum gibt ihn zur Gesundheitsbehörde der Stadt (Hanoi) und diese zum Stadtbezirk. Wenn alle Ebenen zugestimmt haben, entscheidet die Regierung und erst dann kann der Einreisewillige ein Flugticket nur in Vietnam kaufen und bezahlen. Das ganze Prozedere dauert
vier bis sechs Wochen.

Flughafen Frankfurt, Terminal 1

Die Visahürde genommen, mit einem Flugticket der Singapore- Airline ausgestattet, bin ich vor wenigen Tagen, natürlich nur mit aktuellem, negativen PCR-Test in der Tasche, nach Frankfurt zum Flughafen gefahren. In Erwartung eines langen Fluges kam am Check-In die erste Überraschung. Die netten aber resoluten Damen am Schalter akzeptierten nur PCRTest in Englisch. Meiner war ordnungsgemäß unterschrieben und gestempelt vom heimischen Labor, aber in Deutsch. Panik und Schweißperlen auf der Stirn, durchatmen und überlegen.

Ich erinnerte mich, dass ich in der Arztpraxis eine Auftragsnummer und Webseite bekommen hatte und diese sicherheitshalber in meine private Cloud gespeichert hatte. So zückte ich also
mein Smartphone und navigierte auf dem kleinen Bildschirm mit angespannten Nerven zur Webseite, konnte dort meine Daten eingeben und ein PDF mit zweisprachigem Text erzeugen. So weit so gut, aber die Airline will Papier. Also zum Copyshop im Flughafen, nächste Hürde geschafft. Dann noch schnell in den Duty-Free-Shop – Vietnamesen lieben Geschenke. und irgendwann erschöpft in den Economy-Sitz fallen. Ich bin drin.

Nach zwölf Stunden und zwei skandinavischen Krimi-Hörbücher landen wir in Singapur. Begleitung zum nächsten Terminal perfekt und weiter geht es nach Hanoi, nur noch 3.000 Kilometer. Endspurt.

Das internationale Terminal dort ist gespenstisch leer. Direkt am Flugsteig obligatorisches Fiebermessen und alle Passagiere müssen sich elektronisch im Land über ihr Smartphone mit einem Online-Formular anmelden (Wer- woher-wohin) und einen QRCode erzeugen, der vom Personal gescannt wird. Nächster Schritt: Immigrations-Schalter. Nach gut einer Stunde ist das Visa geklebt und sind die 50 Dollar Gebühr bezahlt. Nun noch die Passkontrolle. Mein Pass wird einbehalten, ich soll ihn nach Ende der Quarantäne im Hotel zurückbekommen.

Vermummte Gestalten geben mir ein Schutzset (blauer Overall, Schuhüberzieher, Latexhandschuhe, Maske und Schutzbrille). Eine Stunde warten, dann in den „Seuchenbus“. Unwillkürlich denke ich bei diesem Aufzug an die berühmte Blue-Man-Group.

Über meine 14 tage Quarantäne im Hotel lesen Sie hier demnächst…

Bildquelle:

  • Hanoi_Vietnam: pixabay
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