Katholikentag in Stuttgart treibt Spaltung der katholischen Kirche in Deutschland voran

Zwei Besucherinnen des Katholikentags sitzen auf einer Treppe. Foto: Marijan Murat/dpa
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Rufe nach einer weitgehenden Protestantisierung der katholischen Kirche haben die ersten beiden Tage des Katholikentags in Stuttgart bestimmt.«In der Situation, wo wir jetzt sind, betrügen wir viele Menschen um eine Brücke zu Gott, und das ist das, woran ich leide», sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Donnerstag in einer Diskussion. «Ich schöpfe daraus die Kraft, alles zu tun, was in meiner Macht steht, es zu verändern.» Beim sexuellen Missbrauch habe die Kirche lange gebraucht, um nicht die Täter, sondern die Opfer zu schützen, räumte Bätzing ein. «Ich kann es ja selber nicht fassen, wie man so lange nur auf die Täter geschaut hat.»Der Katholikentag mit 1500 Veranstaltungen findet erstmals seit vier Jahren wieder in Präsenz statt. Allerdings werden bis Sonntag viel weniger Teilnehmer erwartet als sonst, etwa 25.000. Darunter sind allein 7000 Mitwirkende. Zum Katholikentag 2018 in Münster waren noch 90.000 Menschen gekommen. Ursachen für diesen Rückgang dürften zum einen die Corona-Pandemie sein, zum anderen die krisenhafte Situation der Kirche mit dem immer noch nur schleppend aufgearbeiteten Missbrauchsskandal.

Steinmeier für Reformen

Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verwies darauf, dass neuerdings erstmals eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht mehr Mitglied in einer der beiden großen Kirchen sei. Viele Menschen träten aus der Kirche aus, weil sie der Meinung seien, dass sie ihren Glauben auch ohne sie leben könnten. An Bätzing gewandt, sagte Lammert: «Sie werden meinem Eindruck nicht völlig widersprechen wollen, dass neben denen, die seit langem keine Bindung zur Institution Kirche mehr hatten, jetzt zunehmend die gehen, die eine solche Bindung hatten.»

Vor diesem Hintergrund sprach sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für Veränderungen aus. Er wolle jene «ermutigen, die sich für die Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland einsetzen», sagte er. «Ich darf Ihnen sagen, dass nicht nur ich, sondern viele Menschen mit Neugier, mit Erwartung auf die Arbeit des Synodalen Wegs schauen.»

Der Synodale Weg ist ein seit 2019 laufender Versuch sogenannter Reformkatholiken,die katholische Kirche in Deutschland zu entkernen und zu protestantisieren. Dabei geht es um vier Themenbereiche: die katholische Sexualmoral, den Umgang mit Macht, die Stellung der Frau und die priesterliche Pflicht zur Ehelosigkeit (Zölibat). Wenig Neues also.

Vorwurf der Spaltung

Bätzing sagte, dass es gegen die deutschen Reformversuche «massive Gegenbewegungen» in der Weltkirche gebe. «Ich bekomme all die schönen Briefe und beantworte sie auch freundlich, höflich, aber hoffentlich auch entschieden», sagte er. Zuletzt hatten konservative Bischöfe aus den USA und anderen Ländern in einem Offenen Brief gegen den Synodalen Weg protestiert.

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, wies den Vorwurf zurück, dass die deutschen Katholiken auf eine Abspaltung zusteuerten. «Es ist relativ leicht, uns Spaltung vorzuwerfen und auf der anderen Seite nicht bereit zu sein, mit uns ins Gespräch zu gehen.» Der Vatikan akzeptiert als Gesprächspartner nur die Bischöfe und nicht die im ZdK vertretenen Laien.

Blickfang bei einem zentralen Open-Air-Gottesdienst am Himmelfahrtstag war in Stuttgart ein rekordverdächtig großer Martinsmantel aus Hunderten von Stoffstücken. Beim Abschlussgottesdienst am Sonntag soll der Mantel – in Anlehnung an den Heiligen Martin als Diözesanpatron und das Leitwort des Katholikentags «leben teilen» – wieder geteilt und vergeben werden. Die 1100 unterschiedlichen Stoffstücke sind von Kindern und Jugendlichen gestaltet und eingesandt worden.

Bildquelle:

  • Deutscher Katholikentag in Stuttgart: dpa
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.