Kiew-Adventure-Tours: Deutsche Politiker im Landeanflug

ARCHIV - Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne)hat Reisediploamtie als Hauptjob. Aber die anderen? Foto: Kay Nietfeld/dpa
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von THILO SCHNEIDER

KIEW – „Na? Gelangweilt von den immer gleichen Bildern bei Kongressen und Gipfeltreffen? Da haben wir was für Sie: Besuchen Sie doch die Ukraine und stellen Sie sich Ihren Wählern einmal nicht als diplomatischer Spitzenpolitiker, sondern als wahrer „harter Hund“ und Kämpfer für die Freiheit dar. „Ahrtal“ war gestern – „Kiew-Adventure-Tours“ ist heute! Annalena Baerbock war schon da, Friedrich Merz auch und sogar Gregor Gysi.

Fahren Sie mit uns durch malerische Trümmerlandschaften (ohne Leichen) und besichtigen Sie pittoresk zerstörte Kindergärten und Kliniken (Kinder und Patienten gegen Aufpreis). Schauen Sie sich konventionell zerstörte Wohngebiete mit verstörten Eingeborenen und ausgebrannte Panzerwracks an und gucken Sie dabei betroffen. Für 1.000 Panzerfäuste (pro Person) erhalten Sie zusätzlich von uns Splitterschutzwesten, Helme und finster dreinblickende Bodyguards mit langen Bärten, damit Ihre Lieben daheim auch sehen, in welche Gefahren Sie sich begeben haben.

Besuchen Sie unsere Spitzenpolitiker in deren Kampfpausen, drücken Sie diesen die verbliebenen Hände und schauen Sie ernst – aber nicht besorgt – in die Kameras der Welt. Genießen Sie Bootsfahrten auf unseren kriegsmalerischen Flüssen (Wrackteile gegen Aufpreis), vorbei an zerschossenen Dörfern und zusammengebombten Zwiebeltürmen. Nehmen Sie eine Mittagsmahlzeit direkt aus unserer mit echt ukrainischem Fleisch gefüllten Gulaschkanone und klopfen Sie unseren Soldaten kumpelhaft und kameradschaftlich auf die Schultern, damit jeder zu Hause weiß, wie solidarisch Sie sind.

So oder so ähnlich könnte ein Reiseprospekt für die derzeitige Bundesregierung aussehen. Denn es ist vollbracht: Friedrich Merz hat in Kiew gedroht, gebettelt, gefleht – und musste trotzdem wieder heim. Dafür hat er aber Eintrittskarten für das ukrainische Kriegstheater erhalten, personalisiert für Baerbock, Scholz und – niemand war mehr überrascht als er selbst – den besten Bundespräsidenten, den dieses Land anzubiedern hat. Ja, es wird endlich wahr: Frank-Walter Steinmeier darf in die Ukraine und sich endlich entschuldigen, Frank-Walter Steinmeier zu sein und darf – getreu dem chinesischen Sprichwort „Ente gut, alles gut“ – auch sein „starkes Zeichen“ setzen. Ich sehe ihn schon, wie er vor einem Bluescreen des Majdan steht und ganz weltbewegende Sachen aus dem Satzbaukasten für weltbewegende Floskeln knurrt. Und ich sehe die Medien, die sich überschlagen, wie schön und betroffen und präsidial der deutsche Montblanc-Kuli-Benutzer doch „uns Deutsche“ repräsentiert.

Im Gepäck hat unsere solidarische Elite 50 ausgemusterte Gepard-Panzer ohne Munition, was sie auf dem Schlachtfeld sehr nachhaltig agieren lassen wird, sowie 7 (in Zahlen: 7) Panzerhaubitzen, die derzeit in der Instandsetzung herumstehen und eigentlich repariert werden sollten. Aber für die Ukraine werden sie es tun. Immerhin, man kommt nicht mit leeren Händen, wenngleich das Ganze den leicht schimmligen Geruch von Schrottwichteln hat.

Ich könnte mir zwar vorstellen, dass die ukrainische Regierung, die so ganz nebenbei einen Krieg führen soll, derzeit Wichtigeres zu tun hat, als den Bundespräsidenten auf einem Feldbett flachzulegen, aber im Kanzleramt und in der Koalition sinnt man auf Wiedergutmachung der Ukrainer, deren Botschafter – je nach Lesart – „Klartext redend“ oder „pöbelnd“ einen Tweet und ein Interview nach dem anderen herausballert und dabei kein Blatt vor den oder in den Mund nimmt.

Ich frage mich, was das soll? Ich kann verstehen, wenn sich eine „feministische Außenministerin“ in Kiew nach dem Stand der Kriegsdinge informieren möchte – aber was sollen und wollen ein abgehalfterter Abgeordneter ohne Macht oder Gregor Gysi dort? Für wen will denn der Bundesfrankwalter in die Ukraine fahren? Die Ukrainerinnen sind hier und hoffen, ihre Männer kommen bald dazu und die ukrainischen Männer sind an der Front und können sich für die Worte des Bundespräsidenten keine Wurst kaufen. Und warum kriege ich bei der Recherche für diesen Artikel Werbung für Damenunterwäsche und heiratswillige junge Frouwen aus der Ukraine eingeblendet?

Es kann nicht mehr lange dauern, bis Melnyk die Bundesreagierung neben schweren Waffen auch um schwere Jungs und Mädels anhaut, denn so eine Panzerfaust trägt sich ja auch nicht von allein an die Front! Unter der treuherzigen Versicherung der Bundesnaivitätsministerin Lambrecht dürften wir dann immer noch keine Kriegspartei sein, „nur weil wir ein paar Soldatdoppelpunktinnen mit humanitärem Kampfauftrag“ in die Ukraine schicken.

Daher also unser Reiseprospekt für die heranwachsende Jugend:

„Du bist Level 60-Magier bei Warcraft? Du bist der Scharfschütze in „Medal of Honour“? Du führst einen Panzer wie einen Revolver in „War of Tanks“? Dann ist das Dein Ding: Vier Wochen Hardcore-Training in der Ukraine. Fühle den Rückstoß echter Waffen. Erlebe Kameradschaft und echte Teamarbeit. Kämpfe auf dem ultimativen Schwierigkeitslevel ohne Speicherpunkt und Respawn. Erwarte keine Gnade, zeige keine Gnade. Maximum Risk, maximum Fun! Kein Fehler wird verziehen! Bewege Dich über ein komplettes Open-World-Spielfeld in nie gekannter, realistischer 3D-Umgebung mit detaillierten Texturen. Komplette Spielausrüstung und Verpflegung werden von uns gestellt. Bist Du bereit für die ultimative Herausforderung? Bist Du bereit, die Freiheit zu verteidigen? Dann melde Dich noch heute bei „Kiew-Adventure-Tours“.“

Finden Sie zu zynisch? Ist es auch. Ebenso zynisch, wie überzählige Helme, alte Schrottwaffen und reparaturbedürftige Panzerhaubitzen zu schicken und sich dann selbst auf die Schulter zu klopfen. Oder verstehe ich nur eine Politik nicht, die die Ukraine besänftigen, aber die Russen auch nicht verärgern will? Und damit gleich beide auf den diplomatisch-militärischen Arm nimmt?

(Weitere katastrophentouristische Artikel des Autors gibt´s unter www.politticker.de)
Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Bildquelle:

  • Außenministerin Baerbock: dpa
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