Nach Malle wegen Kultur, das ist wie „Playboy“ wegen der Interviews

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Liebe Leserinnen und Leser,

ich gehe erstmal davon aus, dass Sie keine Sauftouristen sind. Aber auf Mallorca waren bestimmt viele von Ihnen schon mal.

Und warum auch nicht, Malle ist eine schöne Insel, und man muss ja nicht zur Playa de Palma, im Volksmund zum «Ballermann». Ich war vor vielen Jahren mal ein paar Tage dort mit meiner Frau, ein Freund besitzt dort ein Appartement und gab uns den Schlüssel, damit wir mal ein paar Tage ausruhen können. Und es war gut, wirklich. Sonne, Meer, Wein, abends gut essen und dem Sonnenuntergang zuschauen. Natürlich sind wir einmal mit dem Leihwagen am «Ballermann» im Schritttempo vorbeigerollt, so wie man im Zoo vor dem Käfig mit den Affen vorbeischlendert und guckt, was die da so machen.

Aber, hey, freies Land, soll jeder Urlaub machen, wie er oder sie es mögen…

Die Behörden auf der Balearen-Insel haben Anfang der Woche acht Lokale zwangsgeschlossen wegen Verstößen gegen das sogenannte Anti-Sauftourismus-Gesetz. Weil Alkohol an Minderjährige ausgeschenkt wurde, weil die Schließzeiten nicht eingehalten wurden und sowas.

Alle acht Lokale lagen in sogenannten Hochburgen, wo es besonders Deutsche und Briten ordentlich krachen lassen. Ich weiß gar nicht, wie die Behörden das differenzieren wollen, denn im Grunde ist die ganze Insel in dieser Jahreszeit fest in der Hand von Deutschen und Briten.

Und damit komme ich zum Punkt: Warum sind es in den Touristenhochburgen am Mittelmeer gefühlt hauptsächlich Deutsche, Briten und Skandinavier, die sich daneben benehmen. Inzwischen hört man, holen die Gäste aus Russland mächtig auf – wenigstens dabei.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich in Urlaub fahre, dann will ich entspannen, ausschlafen, Bücher lesen, guten Weintrinken und den halben Tag im Meer/Pool verbringen. Einmal Stadtbummel, T-Shirt und Postkarten kaufen, und sonst chillen – prima.

Aber damit bin ich anscheinend ein Exot. In Urlaub fahren, um mich bis kurz vorm Koma zu besaufen, mit Strohhalmen aus Sangria-Eimern, und – ok, kommt jetzt für mich Greis eh nicht in Frage – abends irgendwelche Mädels, die da am Strand rumliegen, abzuschleppen, wie das Volksmund das nennt, was soll das? Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, ich mache mir Sorgen um mein Land, um den totalen Kulturbruch unserer Zeit, um ungehobeltes Benehmen unserer Landleute in anderen Ländern.

Falls der ein oder andere von Ihnen auch mal nach Mallorca geflogen ist, um dort historische Ausgrabungen anzuschauen oder Ausstellungen zeitgenössischer spanischer Künstler, dann bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Aber ich kenne niemanden, der deshalb auf Mallorca war. Und ich kenne viele Menschen…

Mit herzlichen Grüßen,

morgen wird es wieder kühler in Deutschland.

Ihr Klaus Kelle

 

 

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.