Nord Stream 2-Puzzle: War die CIA aktiv dabei? Und was machten russische Schiffe direkt über der Röhre bevor sie explodierte?

Verdächtiger russischer Fischtrawler SS-750

von KLAUS KELLE

KIEW/LANGLEY/KOPENHAGEN – Es gibt Geschichten, die gibt es gar nicht. Und immer wieder finden dann Rechercheure und Reporter Puzzleteile, die einfach nicht zusammenpassen. So ist das auch beim Anschlag auf die Ostsee-Pipelines namens Nord Stream 2. Fast vier Jahre nach den Explosionen auf dem Grund der Ostsee erreicht das Puzzle um die Sprengung jetzt eine neue Stufe. Dabei war doch eigentlich schon alles rund: Eine kleine, fünfköpfige ukrainische Gruppe charterte auf eigene Faust die Segelyacht „Andromeda“, nahm Sprengstoff mit und handelte aus eigenem Antrieb. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ fügte nun aber ein ganz neues Puzzleteil hinzu, das wieder einen ganz neuen Dreh in diese Geschichte bringt.

Danach fand im Frühjahr 2022, als die angreifenden russischen Truppen von den Verteidigern Kiews zurückgeschlagen worden waren, in der Metropole ein verschwiegenes Treffen mehrerer Männer statt, in einem „unauffälligen Gebäude“ im Stadtteil Podil. Die Männer waren ukrainische Paramilitärs und Geheimdienstleute, die sich mit Sabotage und Sprengstoff bestens auskannten, di anderen waren Mitarbeiter des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA. Alle kannten sich durch jahrelange Zusammenarbeit im Bereich der verdeckten Kriegsführung, „Special Ops“ genannt.

Bei diesem Treffen, so berichten es Teilnehmer später gegenüber Vertrauten, sei ein Plan zur Sprengung von Nord Stream 2 konkret „präsentiert“ worden – von wem, das wissen wir bishr nicht. Aber die Ukrainer wussten natürlich, dass die Pipeline Putins Kriegskasse regelmäßig auffüllen sollte. Die CIA-Agenten hätten dabei nicht einfach zugehört, sondern seien „wohlwollende Zuhörer“ gewesen. Sie hätten auch nicht von dem kühnen Plan abgeraten. Als der „Spiegel“ die Story jetzt rausbrachte, dementierte Langley sofort. Man habe damals nur nachrichtendienstlich beobachtet und die Erzählung des deutschen Magazins wurde als „vollkommen falsch“ gebrandmarkt.

Aber die neue Erzählung vom „Spiegel“ rüttelt mächtig am bisherigen Narrativ der vom Anschlag angeblich so „überraschten Amerikaner“.

Wir hatten uns daran gewöhnt, dass alles aufgeklärt ist

Und die Spur führt, na klar, in die Ukraine. Der Bundesgerichtshof (BGH) stellte erst im Januar fest, dass es „hochgradig wahrscheinlich“ sei, dass die Sabotage auf staatliche Anweisung aus Kiew erfolgte. Da war diese Yacht „Andromeda“ und eine kleine Crew, die von Rostock aus in See gestochen sei. Doch Militärs und Geheimdienstler aus Skandinavien haben schon lange Zweifel. Kann eine Handvoll Taucher von einem Segelschiff aus eine solche Präzisionssprengung in 80 Metern Tiefe am Meeresgrund durchführen?

Die CIA kann so was, die machen das mit links, wenn sie wollen

Wenn US-Geheimdienste bereits Monate vor dem Anschlag auf Nord Stream 2 in die operative Planung eingeweiht waren oder die Operation sogar technisch begleiteten, verändert das die völkerrechtliche und politische Bewertung fundamental. War die „Andromeda“ nur das sichtbare Puzzleteil einer weit größeren, staatlich gestützten Geheimdienstoperation?

Gehen wir noch mal zurück zum Beginn, zum 22. September 2022, als die Segelyacht „Andromeda“ von einer polnischen Briefkastenfirma mit Sitz in Warschau gechartert wurde. Die Anmietung wurde offiziell von einer polnischen Reiseagentur namens „Feeria Lwowa“ abgewickelt. Ermittlungen ergaben, dass diese Firma sonst keine Geschäftsaktivitäten betrieb, aber von einer Frau in Kiew geleitet wurde. Die Chartergebühr wurde von einem Konto dieser Firma überwiesen. Die sechs Reisegäste – fünf Männer, eine Frau – übernahmen die 15-Meter-Segelyacht auf der Insel Rügen, genau im Hafen von Breege. Von dort starteten sie, vorbei an Warnemünde, dann zur dänischen Insel Christiansø und an die polnische Küste bis in die Nähe der späteren Explosionsorte.

Eine schöne Geschichte, wenn es da nicht die vergessene russische Spur gäbe

Während sich nämlich die Ermittler schon früh auf die ukrainische Fährte konzentrierten, geriet ein anderer Fakt fast in Vergessenheit. Zwei Tage vor den Explosionen am 26. September 2022 operierte ein russischer Verband genau an den Anschlagsorten.

Die dänische Marine verfolgte und beobachtete damals das russische Spezialschiff SS-750. Klingt wie ein harmloser Trawler, ist aber keiner, sondern ein Bergungsschiff, das ein Mini-U-Boot mit der Kennnummer AS-26 an Bord hat. Das ist mit Greifarmen ausgestattet, perfekt geeignet für Arbeiten am Meeresgrund. Die Dänen schossen 26 Fotos von diesem kleinen Verband, zu dem auch der russische Schlepper SB-123 gehörte. Alle kreuzten über dem späteren Anschlagsort und alle hatten ihre Transponder ausgeschaltet. „Dark Ships“ nennen Analysten das. Und die russischen „Dark Ships“ befanden sich genau über den Röhren.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 (Codename „Viking“) wertete zu der Zeit aus privatem Interesse Funkdaten aus, die ebenfalls belegten, dass diese russischen Schiffe exakt dort Position bezogen, wo später die Lecks auftraten. Gibt es solche Zufälle?

Oder ist das Ganze weit mehr als die Tat einer isolierten Sabotagetruppe? Ein geopolitisches Beben, bei dem die Grenzen zwischen Freund, Feind und Mitwissern im trüben Wasser der Ostsee verschwimmen. Die russische Spur ist dabei weiter mysteriös, aber mir fällt beim besten Willen bisher kein Grund ein, warum die Russen ihre eigene Pipline hätten hochjagen sollen…

Bildquelle:

  • Fischtrawler_SS-750_RUS: dänische marine

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.