BERKIN – Während sich Russlands Angriffskrieg heute zum vierten Mal jährt, und der Krieg in der Ukraine mit unverminderter Härte tobt haben Abgeordnete der Alternative für Deutschland (AfD) und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) offenbar einen ganz eigenen Draht in den Kreml etabliert. Neue Recherchen von FOCUS online enthüllen, dass sich mehrere Europa-Parlamentarier im Jahr 2025 zu Videokonferenzen mit einem der radikalsten Außenpolitiker Russlands zusammengeschaltet haben: Leonid Sluzki.
Der ist kein Unbekannter in der Welt der russischen Propaganda. Als Vorsitzender des Außenausschusses der Staatsduma gilt er als loyaler Gefolgsmann Wladimir Putins und enger Vertrauter des neofaschistischen Ideologen Alexander Dugin. Dugin ist der Vordenker eines „Eurasien“-Imperiums, das die Vorherrschaft Russlands über den europäischen Kontinent propagiert. Sluzki selbst fiel in der Vergangenheit durch extreme Forderungen auf, darunter die Einführung der Todesstrafe für ukrainische Kriegsgefangene. Dass ausgerechnet gewählte Vertreter des Europäischen Parlaments aus Deutschland den Dialog mit einem Mann suchen, der die Grundfesten westlicher Rechtsstaatlichkeit offen ablehnt, sorgt nun für massives Aufsehen.
Zwei prominente Namen stehen im Zentrum der Enthüllungen von FOCUS: Volker Schnurrbusch (AfD) und Thomas Geisel (BSW).
Beide bestätigten inzwischen ihre Teilnahme an den Calls, bemühten sich jedoch, das Ganze als harmlos darzustellen. Schnurrbusch, der an zwei Konferenzen teilnahm, sagte, er habe als „interessierter Zuhörer“ teilgenommebn. Er rechtfertigte seine Anwesenheit als „Zeichen für Dialogbereitschaft in Zeiten des Krieges“. Interessant ist seine Behauptung, alle Mitglieder des Europaparlaments seien über das Treffen informiert worden – eine Darstellung, die den Anschein einer offiziellen diplomatischen Mission erwecken soll, tatsächlich aber wohl eher der Legitimierung privater Kanäle dient.
Thomas Geisel vom BSW gab an, im Oktober und Dezember 2025 teilgenommen zu haben. Auch er bemühte das Narrativ des notwendigen Kontakts in angespannten Zeiten. Besonders brisant: Laut Geisel war das Thema der zweiten Konferenz die Frage der eingefrorenen russischen Staatsgelder. Damit verhandelten die deutschen Abgeordneten mit der russischen Seite über eines der schärfsten Sanktionsinstrumente, das der Westen gegen Putins Angriffsmaschinerie in den Händen hält.
Propagandistischer Sieg für den Kreml
In Russland wurde die digitale Zusammenkunft umgehend für die staatliche Propaganda instrumentalisiert. Die Treffen wurden dort nicht als informeller Austausch, sondern als offizielle „Verhandlungen“ mit Vertretern des Europäischen Parlaments deklariert. In den russischen Berichten war wie üblich die Rede vom Kampf gegen das „neonazistische Regime“ in Kiew und der Bedrohung der russischsprachigen Bevölkerung.
Geisel behauptet zwar, er lasse sich nicht für „fremde Narrative einspannen“, doch allein die Tatsache seiner Anwesenheit reichte Moskau aus, um den Anschein internationaler Normalität und Unterstützung zu erwecken. Wer sich mit russischen Hardlinern an einen Tisch setzt – und sei er nur virtuell –, liefert die Bilder, die der Kreml braucht, um die eigene Isolation zu kaschieren.
Organisator mit dunkler Vergangenheit
Die Hintergründe des Treffens werden noch mysteriöser, wenn man den Initiator betrachtet: Der luxemburgische EU-Abgeordnete Fernand Kartheiser soll die Kontakte geknüpft haben. Kartheiser verfügt über eine Biografie, die wie aus einem Spionageroman wirkt. Laut Berichten soll er in den 1980er Jahren als Doppelagent gleichzeitig für den sowjetischen Militärgeheimdienst und die CIA gearbeitet haben. Er selbst behauptet heute, er habe die Russen damals lediglich „an der Nase herumgeführt“. Dass ein Mann mit diesen Verbindungen nun Treffen für AfD- und BSW-Politiker mit russischen Hardlinern organisiert, verleiht der gesamten Angelegenheit eine brisante sicherheitspolitische Komponente.
Fazit: Grenzgänger der Diplomatie
Der ganze Vorfall zeigt einmal mehr, wie tief die Risse in der europäischen Außenpolitik verlaufen. Während die offizielle Linie der EU auf Sanktionen gegen Russland und Unterstützung für die Ukraine setzt, suchen Vertreter der politischen Ränder in Deutschland den Schulterschluss mit Moskau. Die Rechtfertigung als „Dialog“ wirkt angesichts der Radikalität des Gegenübers und der propagandistischen Auswertung durch den Kreml wie eine Schutzbehauptung. Die Frage, inwieweit deutsche Abgeordnete hier zu nützlichen Idioten russischer Interessen werden, wird das EU-Parlament und den Deutschen Bundestag weiter beschäftigen.
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