«Ozapft is» Als gäbe es kein Morgen mehr

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Liebe Leserinnen und Leser,

nach zwei Jahren ohne Oktoberfest dreht München komplett durch. Tausende hatten in den frühen Morgenstunden studenlang vor den Zugängen zur Theresienwiese gewartet, und als eröffnet wurde, gab es kein Halten mehr.

Lange Schlangen vor den Zelten, überfüllte Bierzelte, von Mund-Nasen-Masken keine Spur. «Es ist, als wenn nichts gewesen wäre», wird ein Mandelverkäufer namens Manfred Ziegler in Zeitungen zitiert.

Und doch ist die Welt heute eine andere, nicht nur wegen Corona, sondern wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine, wegen der explodierenden Preise, wegen der Unsicherheit, ob es im Winter warm in unseren Wohnungen ist.

Ministerpräsident Markus Söder, mit Ehefrau Karin Baumüller-Söder beim Anstich dabei, hat jedenfalls ein Gespür für das Wichtige. Und das Wichtige in seinen Augen dürfte die Landtagswahl in Bayern nächstes Jahr sein. Und weil er weiß, wie Wahlkampf funktioniert, nutzt er die ganz große Bühne: «Es gibt immer jemanden, der den Spaß verderben will» Und dann geht er ansatzlos zu «Layla» über, einem Partyhit, den komplett Spaßbefreite für ernsthaften „Sexismus“ halten. «Diese ganze Verbotsdiskussion, die nervt. Wokeness mag interessant sein, aber wenn sie übertrieben ist, dann ist sie spießig. Und die Wiesn ist alles, nur nicht spießig.» Und zog ab, um ein Hendl zu essen.

Draußen vor den Toren gibt es aber auch welche, die nicht begeistert sind vom vermeintlichen Superspreader-Event namens Oktoberfest. Angesichts erwarteter sechs Millionen Besucher schreibt einer auf Twitter: «Die geballte Un-Vernunft und Inkonsequenz Deutscher-Corona-Politik kumuliert nun im #Oktoberfest.»

Ich persönlich bin nicht so der Oktoberfest-Typ, aber ich hab natürlich auch schon in den großen Bierzelten in München oder auch auf dem Bremer Freimarkt oder bei Kirchweih-Festen in Franken gsuffa und auf den Holzbänken mit betrunkenen Freunden „Sierra Madre“ geschmettert. Aber im Grunde ist es wie beim Karneval oder Schützenfest. Wenn’s ausfällt, leide ich nix.

Aber ich verstehe, dass die Corona-Lockdowns und die „Maßnahmen“ bei vielen Menschen in Deutschland ein Gefühl der Bedrückung ausgelöst hat, das ich und wir auch empfunden haben. Und als es dann endlich wieder möglich war, bloß raus. Unsere älteste Tochter gleich ab zum Techno-Festival nach Holland, um das Tanzdefizit in der Pandemie auszugleichen. Und ich mit ihrem Bruder gleich raus ins ausverkaufte Stadion, Bielefeld gegen Dortmund. 3:0 verloren, aber wen interessiert das? Drei Halbe getrunken, zwei Currywürste eingeworfen. Basst scho!

Ich gönne wirklich jedem seinen Spaß, der es jetzt nochmal krachen lassen will. Bevor die nächste Variante auftaucht, bevor die Preise noch höher steigen. Der Winter wird vermutlich hart genug.

Günter Werner (79 )ist Stammgast auf der Wiesn. Heute saß er nach der Corona-Pause wie eh und je wieder auf seinem Stammplatz. Auch dieses Mal hat er an jedem einzelnen Wiesn-Tag reserviert, wie seit über 60 Jahren. Mit frischem Hopfen und neuen Fasanenfedern am Hut sagt er: «Die Vorfreude ist riesig – Corona hab‘ ich gehabt, und wenn ich’s wieder krieg‘, dann krieg‘ ich’s halt.»

Bleibt’s g’sund miteinand!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.