von KLAUS KELLE
BERLIN/ROSTOCK/VILNIUS – Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten für einen privaten Telekommunikationsanbieter und sitzen im Kontrollzentrum vor Ihrem Monitor. Alles ist wie immer, Sie haben sich einen frischen Kaffee geholt und überlegen, ob Sie auf Ihrem Handy eine Runde „Candy Crush“ spielen sollten. Und plötzlich ist Alarm. Überall. Ihr Adrenalin von null auf hundert in drei Sekunden. Massiver Datenabfall, alles schwarz und still. Die Systeme: komplett tot.
Genau das passierte am 2. Januar dieses Jahres in der lettischen Hafenstadt Liepāja. Das betroffene Telekommunikationsunternehmen ist das BCS East-System (Baltic Communication System), das vom schwedischen Netzbetreiber Arelion (ehemals Telia Carrier) betrieben wird. Es verbindet Stockholm direkt mit dem lettischen Festland.
Der massive Kapazitätsverlust hatte einen konkreten grund: 40 Kilometer vor der lettischen Küste waren auf dem Meeresgrund die Glasfaserkabel durchtrennt worden, die Stockholm mit dem lettischen Festland verbinden.
Dass es zu keinem flächendeckenden Blackout kam, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass moderne Unternehmen wie BCS über Redundanzen verfügen. Das bedeutet: Wenn irgendeine „Panne“ passiert, werden die Daten automatisch umgeleitet – in diesem Fall wohl über Estland und/oder Litauen. Zehn Tage dauerte es, das zerstörte Kabel bei den miesen Wetterbedingungen Anfang Januar zu reparieren.
Aber nur wenige Stunden brauchte die NATO mit Unterwasserdrohnen und Aufklärungsflügen, um das Ausmaß des Schadens festzustellen. Die Glasfasern waren präzise durchtrennt worden. Es war kein technisches Versagen, es gab auch keine Schleifspuren. Da wusste jemand genau, was er tat.
Was Sie kaum überraschen wird
Genau zu dieser Zeit ankerte im Hafen von Liepāja ein Schiff der sogenannten „Schattenflotte“ Russlands, das bereits vorher durch verdächtige Kursänderungen über dem Kabelkorridor aufgefallen war. Die lettische Polizei durchsuchte das Schiff und verhörte die Besatzungsmitglieder. Beweise ließen sich nicht finden. Wie so oft. Das Schiff durfte weiterfahren.
Die Liste hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur auf dem Grund der Ostsee ist lang und wird ständig länger. Die „Eagle S“ zum Beispiel ist den Anrainerstaaten der „Baltic Sea“ bestens bekannt. Ein Öltanker der Schattenflotte des Kremls, der Ende 2024 von finnischen Spezialeinheiten geboardet und beschlagnahmt wurde. Die Mannschaft soll damals das Stromkabel „Estlink 2“ und mehrere Datenkabel durch das Schleifen eines Ankers über 90 Kilometer hinweg zerstört haben. Oder die „Fitburg“ am Silvester des vergangenen Jahres: Finnische Spezialkommandos setzten den Frachter fest, von dem aus ein Kabel zwischen Estland und Finnland beschädigt wurde.
Warum macht Russland so etwas gerade jetzt?
Analysten der NATO sind sich sicher, dass das direkt mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zum westlichen Bündnis zusammenhängt. Aus Sicht der Russen ist die Ostsee damit praktisch ein „NATO-Meer“ geworden. Russlands Zugang zum Weltmeer über St. Petersburg und Kaliningrad ist dadurch extrem verengt worden. Indem Moskau die kritische Infrastruktur – Internetkabel, Gaspipelines und Stromleitungen – angreift, verfolgt es drei Ziele:
Zum einen soll die europäische Zivilgesellschaft verängstigt werden. In den sozialen Netzwerken lesen wir jeden Tag eine Flut von Beiträgen mit der Mahnung, Russland bloß nicht zu reizen, weil es doch angeblich militärisch so stark sei und ja eigentlich besonders ein Freund der Deutschen. Es ist wirklich grotesk, wie viele Deutsche das unbedingt glauben möchten, obwohl Russland jeden Tag durch seine Taten zeigt, wie aggressiv es in Wirklichkeit gegen uns agiert.
Dann kommt der finanzielle Aspekt hinzu. Die Ostsee-Staaten und die NATO müssen für den Schutz lebenswichtiger Leitungen und Anlagen immense Geldsummen aufwenden, ebenso wie für die Reparaturen bei solchen Kabelschäden. Donald Trump würde sagen: „Someone has to pay the bill.“ Und wir reden hier über Milliardenbeträge, die unsere Volkswirtschaften belasten.
Schließlich testet Russland, wie weit es gehen kann, bevor die NATO den Bündnisfall (Artikel 5) ausruft. Es ist ein Spiel mit dem Feuer unterhalb der Schwelle zum offenen Krieg, den Russland gegen die NATO niemals gewinnen könnte. Aber das weiß man im Kreml.
Bemerkenswert ist, wie oft in jüngster Zeit Vizeadmiral Jan Christian Kaack, Inspekteur der Marine, davor warnt, Russlands militärische Möglichkeiten zu unterschätzen, und dabei auch einen schärferen Ton anschlägt. Ja, Russland hat massive Verluste an Menschen und Material im Ukraine-Krieg zu verzeichnen. Doch die russische Marine – insbesondere die U-Boot-Flotte und die spezialisierten Einheiten für Unterwasser-Sabotage (GUGI) – sei intakt und gefährlicher denn je.
Kaack spricht offen von der Gefahr einer „Eskalation aus Zufall“
In Zeiten, in denen russische Kampfjets ohne Transponder über der Ostsee fliegen und Schiffe ihrer „Schattenflotte“ riskante Manöver vollziehen, könnte die Fehleinschätzung eines Kapitäns oder auch nur ein technischer Defekt an Bord eines deutschen Marineschiffes eine Kettenreaktion auslösen. Admiral Kaack mahnt unermüdlich, die Bedrohung ernst zu nehmen, und fordert „Kriegstüchtigkeit“ unserer Marine. Deutschland und die NATO befänden sich nicht mehr im Frieden, sondern in einer Phase der permanenten Konfrontation.
Ich frage mich häufig, wenn ich Videos anschaue oder Berichte lese, ob wir für einen Ernstfall unterhalb des großen „heißen“ Kriegs überhaupt gerüstet sind. Viel ist davon die Rede, wie gut wir darin sind, den Gegner zu beobachten, zu identifizieren und bisweilen auch mal Schattenfrachter zu durchsuchen. Dann schreibt man Berichte, wertet Fotos und Unterwassersonardaten aus. Aber wie geht es dann weiter?
Nicht nur ich frage mich, warum man die Rostkähne der „Schattenflotte“, die häufig unter der Fahne Gabuns oder der Cookinseln fahren, um die westlichen Sanktionen massiv zu unterlaufen, immer noch gewähren lässt. Wir wissen davon, jeder weiß das, alle beklagen es. Aber niemand stellt das ab, etwa indem die EU, die heute 597 Schiffe der russischen Schattenflotte registriert hat, zusammen mit der NATO die Ostsee dicht für diese Frachter und Tanker macht.
Militärisch wären wir in der Lage dazu. Die USA haben jüngst gezeigt, wie: Als mehrere Schattenschiffe der Russen versuchten, aus Venezuela zu entkommen und ihre Fracht irgendwo auf Rechnung Russlands zu verhökern, kassierten sie die „Handelsschiffe“ einfach ein. In einem Fall befand sich ein russisches U-Boot in unmittelbarer Nähe. Aber was sollen die tun? Einen Weltkrieg beginnen?
Die Europäer könnten das auch, doch es gibt keine Politiker, die – entschuldigen Sie! – den Arsch in der Hose haben, sowas anzuordnen.
Und damit Sie wissen, über was wir bei der Schattenflotte sprechen: Das sind inzwischen weltweit fast 1.400 Schiffe, die russisches Öl und Gas ausliefern und damit Putins Krieg gegen die Ukraine finanzieren helfen. Seit Februar 2022 hat sich ihre Zahl auf den Weltmeeren verdreifacht.
Vor genau einem Jahr hat die NATO die Operation „Baltic Sentry“ begonnen – zur Dauerüberwachung des Ostseeraumes. Fregatten und Minensuchboote patrouillieren permanent entlang der empfindlichsten Datenautobahnen am Meeresgrund. Von Rostock aus koordiniert das neue NATO-Hauptquartier CTF Baltic die Aktivitäten von 20 Nationen.
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