„Sarajevo-Safari“: Wie reiche „Touristen“ aus dem Westen dafür zahlten, arglose Zivilisten zu erschießen

Mörderisches "Vergnügen": aus Spaß Menschen heimtückisch erschießen

SARAJEVO – Der Begriff „Urban Legend“ ist als Synonym für angeblich wahre Gruselgeschichten bekannt, die aber letztlich doch nur der Fantasie eines Geschichtenerzählers entsprangen. Sie kennen sowas, wenn etwa von Leuten erzählt wird, die morgens wach wurden und dann angeblich keine Niere mehr hatten. Leider stellt sich wie bei anderen Verschwörungserzählungen oft heraus, dass sie zumindest einen wahren Kern haben – wenn Sie etwa an den illegalen Organhandel und die Umstände in chinesischen Straflagern denken.

Eine ähnliche „Urban Legend“ gerät nun international immer mehr in den Fokus. Und die grausame Geschichte ist unzweifelhaft wahr.

Der US-Amerikaner John Jordan, ein ehemaliger Marine, der während des Balkankrieges als freiwilliger Feuerwehrmann in Sarajevo im Einsatz war, berichtete erstmals öffentlich darüber, wie er damals in serbisch kontrollierten Gebieten unterwegs war, um Brände zu löschen und Verletzte zu bergen. Dort stieß er mehrfach auf Gestalten, die so gar nicht in die Landschaft zu passen schienen.

Jordan berichtete später, unter anderem vor dem UN-Tribunal in Den Haag, von Männern in teurer, makelloser Jagdbekleidung, die mit hochmodernen Präzisionsgewehren ausgestattet waren – Waffen, die kein regulärer Soldat der Armee der Republika Srpska (VRS) besaß. Als er serbische Offiziere fragte, wer diese Leute seien, erhielt er als Antwort: „Das sind Touristen. Sie zahlen dafür, hier auf Menschen schießen zu dürfen.“

Jordan beschrieb, wie diese zahlenden Gäste wie auf einer exklusiven Safari auftraten, ungeduldig darauf wartend, dass ihnen ein Ziel vor das Visier lief. Und diese Ziele waren Menschen, Zivilisten aus Sarajevo.

Kann so etwas möglich sein?

John Jordans Aussage war der erste dokumentierte Hinweis darauf, dass das Töten von Zivilisten in Sarajevo als käufliches Vergnügen für wohlhabende Reiche aus dem Westen organisiert wurde – durch eine Art Joint Venture von Geschäftemachern, vornehmlich aus Italien, und regulären Einheiten der serbischen Armee. Die Kunden waren Geschäftsleute, Ärzte und Waffenliebhaber, ein namentlich erwähnter Teilnehmer aus Mailand war beispielsweise Besitzer einer privaten Klinik für plastische Chirurgie.

Die Logistik hinter diesen „Menschenjagden“ war ein hocheffizientes, grenzüberschreitendes Netzwerk. Als zentraler Dreh- und Angelpunkt diente dabei die norditalienische Stadt Triest. Aufgrund ihrer geografischen Nähe zum zerfallenden Jugoslawien war sie Sammelpunkt für die Teilnehmer aus Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Von Triest aus wurden die Gruppen meist an Wochenenden über die Grenze geschleust. Die Route führte über Belgrad, wo die „Touristen“ von Kontaktpersonen empfangen und unter dem Schutz lokaler Sicherheitskräfte weitergeleitet wurden.

Die zahlenden Gäste brachte man dann oft mit Militärhubschraubern oder gepanzerten Geländewagen direkt von Belgrad aus in die Berge rund um Sarajevo und in die Stellungen bei Pale oder Grbavica. Dort genossen sie militärischen Schutz, Verpflegung und den Zugang zu den besten Scharfschützenpositionen, von denen aus man die Straßen der Stadt – die berüchtigte „Sniper Alley“ – im Blick hatte. Die Offiziere der VRS waren dabei als „Jagdführer“, die Ziele identifizierten und sicherstellten, dass die Gäste ungestört ihrem tödlichen Hobby nachgehen konnten.

Die Preise für dieses Grauen waren astronomisch

Ein „Wochenendpaket“ kostete laut aktuellen Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft Mailand zwischen 80.000 und 100.000 Euro. Diese Summen flossen direkt in die Taschen lokaler Kriegsfürsten. Doch die Perversion kannte noch eine Steigerung: Zeugen berichten von einer makabren Preisliste. Wer sichergehen wollte, ein besonders „schwieriges“ oder emotional belastendes Ziel zu treffen, musste draufzahlen. Besonders erschütternd ist der Vorwurf, dass für das Erschießen von Kindern ein Aufpreis verlangt wurde. Es wird von zusätzlichen Zahlungen in Höhe von bis zu 100.000 Euro berichtet, wenn das Opfer ein Kind war. Insgesamt summierten sich die Kosten für eine einzige dieser Horror-Reisen so leicht auf bis zu 300.000 Euro.

Der Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič brachte im Jahr 2022 neue Zeugen zum Reden, darunter ehemalige Geheimdienstmitarbeiter, die den Tätern damals dicht auf den Fersen waren.

Und das löste eine Lawine aus: Im November 2025 eröffnete die Staatsanwaltschaft in Mailand ein offizielles Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Zum ersten Mal werden heute konkrete Namen von Verdächtigen aus dem Westen untersucht. Im Februar 2026 wurde ein über 80-jähriger Mann aus Norditalien als Teilnehmer vernommen. Die Ermittler stützen sich dabei auf alte Berichte des italienischen Geheimdienstes SISMI, der bereits 1994 von den Reisen über Triest wusste, das Wissen aber über Jahrzehnte unter Verschluss hielt – warum auch immer. Auch in Bosnien-Herzegowina laufen nun Untersuchungen, um die serbischen Offiziere zu identifizieren, die den „Safari-Touristen“ damals die Tore zur Hölle öffneten.

Bildquelle:

  • Scharfschütze: adobe.stock/marco

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren