Spitzbergen, die seltsamste Inselgruppe der Welt: Sterbeverbot, Eisbären, Waffenpflicht, Millionen Samenproben und ein Ufo-Absturz

Longyearbyen auf Spitzbergen

SPITZBERGEN – Wer auf der arktischen Inselgruppe Spitzbergen – im norwegischen Sprachraum Svalbard genannt – das Licht der Welt erblicken möchte oder seine letzten Atemzüge plant, stößt auf ein bizarres bürokratisches und biologisches Hindernis: Es ist verboten.

 

Svalbard, das sich rund um den 78. Breitengrad mitten im Arktischen Ozean erstreckt, ist der einzige Ort in Europa, an dem Menschen weder legal geboren werden noch sterben dürfen.

 

Hinter diesem vermeintlich skurrilen Gesetz steckt der Permafrost

 

Da der Boden Spitzbergens das ganze Jahr über tiefgefroren ist, verwesen Leichen dort nicht. Als man in den 1950er-Jahren feststellte, dass die Körper der Opfer der Spanischen Grippe von 1918 auf dem örtlichen Friedhof der Hauptsiedlung Longyearbyen perfekt konserviert waren – inklusive der aktiven, tödlichen Viren übrigens –, zog die Verwaltung die Reißleine. Seither werden Schwerkranke, Senioren und Sterbende per Flugzeug auf das norwegische Festland transportiert.

 

Wer dennoch überraschend auf der Insel stirbt, wird zur Bestattung ausgeflogen. Ähnlich pragmatisch verhält es sich bei Geburten.

 

Das kleine, provisorische Krankenhaus in Longyearbyen verfügt über keine Entbindungsstation. Schwangere Frauen müssen die Insel daher spätestens drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin in Richtung Festland verlassen. Spitzbergen duldet keine biologischen Übergänge – es ist ein Ort rein für das Hier und Jetzt.

 

Doch wer lebt überhaupt freiwillig an einem so extremen Außenposten der Menschheit, auf halbem Weg zwischen dem norwegischen Nordkap und dem Nordpol?

 

Und vor allem: Warum?

 

Aktuell leben etwa 2.500 Menschen permanent auf der Inselgruppe. Die Bevölkerung ist ein bunter, internationaler Schmelztiegel aus mehr als 50 Nationen.

 

In Longyearbyen wohnen vor allem Norweger, Thailänder (einst für den Tourismussektor angeworben) und Deutsche. Sie teilen sich den Lebensraum mit einer weitaus größeren Population: Auf Svalbard leben ungefähr 3.500 Eisbären – deutlich mehr als Menschen. Das führt zu einer weiteren Skurrilität des arktischen Alltags: Außerhalb der ausgewiesenen Sicherheitszone von Longyearbyen gilt eine strikte Gewehrpflicht.

 

Jeder, der die Siedlung verlässt, muss eine durchschlagskräftige Waffe zur Selbstverteidigung gegen Eisbärenangriffe mitführen. Selbst Studenten an der Universität Svalbard (UNIS), dem nördlichsten Campus der Welt, absolvieren in ihrer ersten Woche obligatorische Schieß- und Sicherheitskurse im Schnee.

 

Spitzbergen ist heute ein Eldorado für die internationale Wissenschaft. Polarforscher, Glaziologen und Meteorologen aus aller Welt nutzen die hochempfindlichen Satellitenstationen und Forschungscluster, um den natürlichen oder unnatürlichen Klimawandel zu studieren. Nirgendwo sonst erwärmt sich die Erde so schnell wie in der Arktis. Die Siedlung Ny-Ålesund – einst Schauplatz der tragischen Kings-Bay-Bergbauaffäre in den 1960er-Jahren – wurde vollständig in eine reine, hochmoderne Forschungsstation umgewandelt, in der auch das deutsche Alfred-Wegener-Institut eine Basis betreibt.

 

Zum anderen lockt der Arktis-Tourismus Abenteurer an, die für Hundeschlittentouren, Schneemobilsafaris und das Erleben der monatelangen Mitternachtssonne oder der dauerfinsteren Polarnacht viel Geld zu zahlen bereit sind.

 

Politisch und rechtlich gehört Spitzbergen zu Norwegen

 

Doch der Status der Inselgruppe ist weltweit einzigartig. Im Jahr 1920 wurde der Spitzbergen-Vertrag unterzeichnet. Er spricht Norwegen zwar die volle Souveränität zu, gewährt jedoch allen über 40 Unterzeichnerstaaten (darunter Deutschland, die USA, China und Russland) das gleichberechtigte Recht, auf der Inselgruppe wirtschaftlich aktiv zu sein, Ressourcen abzubauen und visumfrei zu leben.

 

Zudem wurde festgelegt, dass Svalbard eine entmilitarisierte Zone bleiben muss. Es dürfen dort keine Militärbasen oder Kriegsschiffe stationiert werden.

Genau dieser völkerrechtliche Sonderstatus macht Spitzbergen allerdings in diesen Zeiten zu einem der heißesten Brennpunkte der modernen Geopolitik.

 

Während der einstige norwegische Kohlebergbau fast vollständig eingestellt wurde, pocht Russland eisern auf sein vertragliches Recht. Nur 40 Kilometer von Longyearbyen entfernt liegt Barentsburg – eine rein russisch verwaltete Bergbausiedlung, in der knapp 400 Russen und Ukrainer leben, seit 2022 mit wachsendem Konfliktpotenzial.

 

Das staatliche russische Unternehmen Trust Arktikugol betreibt dort eine aktive Kohlemine. Wirtschaftlich ist diese längst unrentabel, doch für den Kreml ist Barentsburg ein unschätzbarer geopolitischer Ankerplatz. Im Zuge des Ukraine-Krieges und der arktischen Machtkämpfe der Großmächte ist das einst friedliche Zusammenleben auf der Insel vorbei. Die norwegische Bevölkerung boykottiert die russischen Tourismusangebote, während Moskau Barentsburg durch eigene Satellitenstationen und patriotische Paraden demonstrativ als russischen Vorposten im NATO-Hinterhof inszeniert.

 

Zu den weltweiten Mythen Spitzbergens gehört auch der berühmte Svalbard Global Seed Vault – ein tief in den gefrorenen Berg getriebener Hochsicherheitsbunker, der oft als „Weltuntergangs-Tresor“ bezeichnet wird. Hier lagern Millionen Samenproben von Nutzpflanzen aus aller Welt als eiserne Reserve für die Menschheit im Falle globaler Katastrophen.

 

Spitzbergen bleibt ein faszinierendes Paradoxon: Ein ziviles Labor der Extreme, in dem man weder geboren werden noch sterben darf, in dem Pässe keine Rolle spielen, während unter dem ewigen Eis das geopolitische Tauziehen der Großmächte um die Zukunft der Arktis tobt.

 

Am 28. Juni 1952 berichtete übrigens die Saarbrücker Zeitung in einem sensationellen Artikel mit der Überschrift „Auf Spitzbergen landete Fliegende Untertasse“ darüber und erinnerte dabei an den berühmten Roswell-Zwischenfall aus dem Jahr 1947. Danach hätten „norwegische Düsenjäger“ bei einem Patrouillenflug im eisigen Ödland (konkret im Hinlopenstretet, der Meerenge zwischen den Hauptinseln) ein abgestürztes, scheibenförmiges Objekt entdeckt.

 

Die norwegische Armee habe daraufhin eine Erkundungseinheit losgeschickt und eine „silberne Scheibe“ von 40 bis 50 Metern Durchmesser gefunden. Im Inneren des Wracks habe man die Leichen von kleinen Humanoiden entdeckt…


Bildquelle:

  • Spitzbergen_Longyearbyen: adobe.stock/tyler olsen

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.