Udo Lindenberg und Alla Pugatschowa – kein Sonderzug nach Moskau

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Liebe Leserinnen und Leser,

hat es Sie früher, als Sie noch Talk-Shows im deutschen Staatsfernsehen geschaut haben, auch immer genervt, wenn bei politischen Runden bei Will oder Illner oder Plasberg irgend so ein Grönemeyer saß und uns die Welt erklärt hat? Ich meine, das ist so, als wenn beim Heavy Metal in Wacken, Christian Lindner auf die Bühne gebeten wird, um mit einer Klampfe „Hoch auf den gelben Wagen“ zu singen, oder?

Schuster, bleib bei Deinem Leisten! Natürlich hat jeder das Recht, seine Meinung zu sagen, schreiben oder zu senden. Jedenfalls jetzt noch. Und jede Redaktion kann in einem freien Land einladen, wen sie will oder auch nicht, aber wenn solche Sender von uns allen bezahlt werden müssen, dann dürfen wir erwarten, dass alle Meinungen zu Wort kommen. Wann haben Sie eigentlich bei Will &. Co. zuletzt einen Politiker der AfD gesehen?

Aber ich schweife ab, denn eigentlich möchte ich Ihnen heute Morgen von Alla Pugatschowa erzählen. Mit der hat sich gestern Udo Lindenberg solidarisiert, und ich nehme an, damit wird er noch weniger erreichen als mit seinem „Sonderzug nach Pankow“ damals. Immerhin durfte er dem DDR-Oberfürsten Honecker eine Lederjacke schenken, ein großer politischer Erfolg. Man sollte Lindenberg mal wieder zu Will einladen…

Russlands Staatschef Wladimir Putin, Sie erinnern sich, der mit dem Morden und Vergewaltigen in der Ukraine, der uns den Öl- und Gashahn abdreht, weil da irgendwas mit einer Turbine nicht in Ordnung ist oder so, ist ein anderes Kaliber. Das wissen inzwischen auch in Deutschland wieder viel mehr Menschen, die nun sehen, dass man sich bei der Beurteilung von Politik und Staatenlenkern nicht von eigenen Wunschvorstellungen leiten lassen muss, sondern von der nackten Realität.

Die russische Popsängerin Alla Pugatschowa, so habe ich gelernt, ist in ihrer Heimat seit Jahrzehnten eine Ikone, ein Star mit mehr als einer halben Milliarde verkauften Tonträgern. Falls Sie Alla bisher noch nicht kennen, schauen Sie mal ihre gemeinsamen Auftritt mit Udo Lindenberg („Wozu sind eigentlich Kriege da?“) an! Der Udo, der wahrscheinlich auch mit 150 Lebensjahren noch auf Tour gehen und einen Hut dabei tragen wird. Zu sehen hier

Pugatschowa erlebt nun gerade eine veritablen Shitstorm in Russland, seit sie öffentlich ausgesprochen hat, dass die russischen Soldaten für «illusorische Ziele» sterben müssen, während ihr Land gleichzeitig international geächtet werde. Nun wird sie übel beschimpft und beleidigt von russischen Super-Patrioten, die früher Pugatschowas CDs gekauft haben, so wie ich die Schallplatten von Udo-Lindenberg damals gekauft habe, bevor er bei Demos der DDR-finanzierten „Friedensbewegung“ in Deutschland auftrat und ich das Kaufen seiner Platten konsequent einstellte.

In Russlands staatlichen Medien kein Wort über ihre Kritik am Krieg in der Ukraine. Nur ihr öffentlicher „Wunsch“, nun auch wie ihr Ehemann Maxim Galkin – er lebt im israelischen Exil und wurde vom Justizministerium in Moskau auf die Schwarze Liste gesetzt – als „Auslandsagentin“ eingestuft zu werden, war eine Nachricht im russischen Fernsehen wert.

Hoffentlich geht das alles gut mit der mutigen Alla in dem Land, in dem man zu jahrelanger Haft verurteilt werden kann, wenn man Russlands Krieg gegen die Ukraine auch nur „Krieg“ nennt. Und Prominenz schützt nicht vor Potentaten, die nichts mehr zu verlieren haben. Auch die Kommunalpolitiker aus St. Petersburg, die öffentlich Putins Rücktritt forderten, die trauen sich was. Keine Chance, dass ihre Forderung erfüllt wird, aber jetzt im Fadenkreuz des Machtapparats zu stehen, das kann sehr ungemütlich werden. Wie geht es eigentlich Alexej Nawalny?

Passen Sie gut auf sich auf!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.