Überall wird „Du“ gesagt: Die höfliche Distanz geht verloren

Du oder Sie, die angemessene Begrüßung ist auch eine Frage des Respekts.
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von THOMAS PAULWITZ

BERLIN – „Ich Tarzan, du Jane“: Das Duzen galt lange Zeit als Ausdruck besonderer Vertraulichkeit, in manchen Fällen sogar als Zeichen geringer Bildung. Heute hingegen soll die Bildung mit dem Duzen gerettet werden, jedenfalls wenn es nach den Berliner Jungsozialisten geht. Die Berliner Jusos fordern, „es allen Schüler*innen freizustellen, ihre Lehrer*innen zu duzen.“ Außerdem sollen „Lehrer*innen Fortbildungen zum Thema ‚Du‘ angeboten“ werden. Das beschlossen die Jungsozialisten kürzlich auf ihrer Landesdelegiertenkonferenz.

In ihrem notorischen Gendersprech argumentieren die Jusos: „Man ist so eher bereit[,] eine Lehrperson anzusprechen, wenn man ein Problem hat.“ Ein Lehrer kommentierte trocken: „Machen meine Schüler*innen zum Teil schon heute. Original-Zitat: ‚Haltʼs Maul, Alter!‘“ Als Vorbild nennt der SPD-Nachwuchs Schweden und andere skandinavische Länder. Dort werde schließlich seit langem geduzt, und in der PISA-Untersuchung belegten diese Staaten doch die vorderen Plätze.

Mit IKEA fing alles an

Tatsächlich war es das schwedische Möbelhaus IKEA, das 2003 als erstes Unternehmen anfing, seine Kunden zu duzen. Inzwischen zogen viele andere nach, von Adidas bis Aldi: „Das ‚Sie‘ wird immer reduzierter eingesetzt, das ‚Du‘ greift weiter um sich“, stellt die Bamberger Germanistin Stefanie Stricker fest: „In diesem Punkt sind wir derzeit in einem Sprachwandel begriffen, der schon innerhalb einer Generation zu Änderungen führt.“

Es ist geradezu widersprüchlich: Während das Abstandhalten aus Furcht vor Krankheit, Siechtum und Tod in das bedrohte Fleisch und Blut übergeht, geht in der Sprache die höfliche und respektvolle Distanz immer weiter verloren. Das Duzen im Kundenkontakt sollte man sich freilich gut überlegen, denn es ist eine zweischneidige Sache: Die einen finden die private Atmosphäre angenehm, die anderen halten jedoch das unvermittelte Nahetreten für zu anzüglich. Einige gewinnt ein Geschäftsmann damit, die meisten stößt er allerdings ab. Das belegen nicht nur empörte Äußerungen im Umfeld von Sprachfreunden: Meinungsforscher haben auch handfeste Belege für diese Beobachtung gefunden.

INSA: Die meisten Deutschen mögen es nicht

Eine repräsentative INSA-Umfrage, welche die Theo-Münch-Stiftung für die Deutsche Sprache jüngst in Auftrag gegeben hat, zeigt, dass es nur eine Minderheit von 32,3 Prozent der Befragten gut findet, als Kunde in Geschäften, per Brief oder im Internet geduzt zu werden. Eine relative Mehrheit von 48,3 Prozent findet es jedoch nicht gut. 19,4 Prozent sind sich unsicher oder machten keine Angabe. Bei dieser dritten Gruppe kommt es wahrscheinlich auf den Zusammenhang an, in dem geduzt wird. Unter den Befragten mit ausländischen Wurzeln finden allerdings 42 Prozent das Duzen gut, während sich 37 Prozent gestört fühlen.

Besonders die älteren Kunden fühlen sich durch das Duzen abgestoßen. In der Altersgruppe über 40 Jahren möchten die meisten lieber mit „Sie“ angeredet werden. Auch Akademiker bestehen eher auf das „Sie“ als Befragte mit niedrigerem Bildungsabschluss. Die bevorzugte Form der Kundenansprache ist keine Frage des Geschlechts und der politischen Einstellung: Das Verhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern ist bei Männern und Frauen und bei den Wählern quer durch alle Parteien ungefähr gleich. Überall gibt es eine zumindest relative Mehrheit für die Freunde des höflichen „Sie“.

Generell alle Kunden unterschiedslos zu duzen, wie es immer mehr Mode wird, ist also keine gute Idee. Viele empfinden das doch eher als „Anwanzen“. Das ist kein guter Einstieg, um Vertrauen zu schaffen und Kunden zu binden. Letztlich gilt: Mit einem „Sie“ kann man nichts falsch machen, mit einem überstürzten „Du“ hingegen schon.

Siezen fördert die Sprachentwicklung

Und wie sieht es mit dem Duzen an Schulen aus, das sich die Jusos so sehr wünschen? Der Germanist Wolfgang Steinig von der Universität Siegen hat im Jahr 2017 an Grundschulen eine umfangreiche Untersuchung durchgeführt. Er kommt zu dem Schluss: „Kinder, die ihre Lehrkraft siezen, formulieren anspruchsvoller. Ihre Wortwahl und ihr Satzbau sind elaborierter. Sie strengen sich sprachlich wie auch kognitiv stärker an: zunächst im Mündlichen, aber dann auch im Schriftlichen, wie man nicht nur am Umgang mit der Rechtschreibung erkennen kann.“

Mit diesen Erkenntnissen aus der Wissenschaft sollte sich das Ansinnen der Jusos eigentlich erledigt haben. Ein Ergebnis Steinigs dürfte zudem den Jungsozialisten ein besonderes Rätsel aufgeben: „An Schulen in Wahlkreisen, in denen die ‚Die Linke‘ stark ist, werden die Lehrkräfte früher und öfter gesiezt und die Rechtschreibung muss stärker beachtet werden.“

Bildquelle:

  • Begrüßung_Höflichkeit: pixabay
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