„Umsturz-Regierung“: Frau Ministerin für „Transkommunikation“ hätte lieber in ihre eigene Zukunft schauen sollen

Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

die gestern verhafteten Möchtegern-Revoluzzer aus der Reichsbürger-Szene hatten vor, „das System“ zu stürzen. Mit zwei Dutzend – vornehmlich – Rentnern, die in den Reichstag eindringen und die Mitglieder des Bundeskabinetts in Handschellen legen. So war der Plan des Prinzen Reuß, der über uns herrschen wollte, wie die Sicherheitsbehörden heute Stück für Stück veröffentlichten.

Also, Scholz, Baerbock, auch Merz in Ketten und dann übernimmt eine neue Regierung, begleitet vom Jubel der deutschen Bevölkerung. Oder so.

Ein Ex-Polizist sollte neuer Innenminister werden, die jetzt Ex-Richterin und ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkelmann Justizministerin. Und ein ganz neues Ressort »für Spiritualität und Heilkunde« sollte geschaffen werden, das eine Ärztin aus Niedersachsen übernehmen wollte. Und, atemberaubend witzig, ein Ressort »Transkommunikation« war geplant, für die eine Astrologin aus dem Landkreis Bergstraße vorgesehen war. Die Dame bietet auf ihrer Website Zukunfts-Vorhersagen an. Und so ätzt der Spiegel gestern: „Dass ein Ermittlungsrichter sie hinter Gitter schicken würde, gab die Vorhersehung offenbar nicht her.“

Nein, offenbar nicht.

Je mehr man über die Pläne dieser Hobby-Revoluzzer erfährt, desto mehr fragt man sich, warum die Sicherheitsbehörden so massiv gegen diese lächerliche Reichsbürger-Gruppe vorgegangen sind. Andererseits, hätten sie es nicht ernst genommen, und ein Bekloppter wäre ins Reichstagsgebäude eingedrungen und hätte zwei Sicherheitsbeamte mit einer Armbrust erschossen, dann wäre das Wehklagen groß, warum man das nicht ernster genommen habe.

Also, ich bin froh, dass sie diese Hanseln aus dem Verkehr gezogen haben, und dass die nun in ihren Zellen darüber nachdenken können, was sie alles in ihrem Leben noch Schönes hätten tun können, wenn sie sich ein anderes Hobby gesucht hätten.

Und, weil das viel diskutiert wird, dass bei einem Polizeieinsatz Reporter vom ersten Moment an dabei sind, das ist nun wirklich nichts Neues. In meiner Zeit als Polizeireporter in Berlin – ok, ich war ganz gut in meinem Job – war ich wie Kollegen von BILD, BZ und Sat.1 oft bei Razzien mit unterwegs und habe berichtet oder bei der überraschenden Räumung besetzter Häuser. Natürlich hat man den ein oder anderen Kontakt, der Reportern mal was durchsteckt.

Und jetzt kommt natürlich auch, was politischer Alltag in Deutschland geworden ist.

Die Grünen im Bundestag wollen kommende Woche in einer Sondersitzung die Geschehnisse thematisieren, und man muss kein Astrologe sein, um schon jetzt zu wissen, dass das kein gemütlicher Tag für die AfD-Abgeordneten werden wird. Die neun Bundestagsabgeordneten, die ich von der AfD persönlich kenne, sind alles andere als Umstürzler oder gewalttätig. Aber man wird sie im Kollektiv geißeln, weil die verhinderte „Justizministerin“ Malsack-Winkelmann nunmal für die AfD im Bundestag gesessen hat. Ein AfD-Abgeordneter sagte mir gestern am Telefon sinngemäß, dass die Frau tatsächlich so draufgewesen sei, wie sie jetzt beschrieben wird. Und da frage ich mich dann als außenstehender Beobachter, wieso hat die AfD dann nicht die Kraft, sich von solchen paar Hanseln rechtzeitig zu trennen, die im Reichsbürger-Milieu Verbündete sehen oder die vom völkischen Sozialismus träumen?

Andere Mehrheiten in Deutschland, den Durchmarsch der linksgrünen Woken auf allen Ebenen, das ist parlamentarisch nicht ohne Beteiligung einer AfD zu machen, die gerade bei mehr als 15 Prozent Wählerzustimmung liegt. Es geht nur über Realpolitik. Und Veränderungen sind nur IM System und nicht gegen das System zu erreichen.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

Anzeige

Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende

Jetzt spenden (per PayPal)

Jetzt abonnieren

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.