„ungeskriptet“ und der russische Botschafter – Stichwortgeber für Kreml-Narrative, sonst leider nichts

Podcast-Star "Ben" von ungeskriptet

von KLAUS KELLE

BERLIN – Zwei Podcaster sind derzeit das Maß aller Dinge in der öffentlichen Debatte in Deutschland. Der eine heißt Paul Ronzheimer, kommt von Springers BILD und hatte damit einen Startvorteil gegenüber allen anderen. Der andere heiß Benjamin „Ben“ Berndt, stammt aus Köln und wurde zu einem erfolgreichen Selfmade-Unternehmer, bevor er den deutschen Debattenraum eroberte.

Sein podcast „ungescripted“ war schon 2014 beim Publikum ein Knaller mit Hunderttausenden Abonnenten, der vordere Plätze in den Spotify- und Apple-Charts und siebenstellige Jahresumsätze generiert haben soll. Das Interview mit dem AfD-Flügelstürmer Björn Höcke im April dieses Jahres hob Ben und „ungescripted“ dann auf eine ganz andere Ebene. 

Sechs Millionen Menschen schauten sich das Höcke interview ungeschnitten und unbearbeitet an, um sich eine eigene Meinung von dem zu bilden, was den ehemaligen Geschichtslehrer aus Westdeutschland, der heute in Thüringen schon Starkult innehat, weltanschaulich bewegt. Und wer Erfolg hat, bekommt Gegenwind.

Der Mainstream wurde auf Ben aufmerksam und kritisierte, dass der Mann seine Gesprächspartner einfach ausredem lässt, was ich persönlich als deutlich wohltuender empfinde als dieses Gekeife und Belehrungen der Fragensteller in Dauerschleife. Die frühere Chefin der Kleinpartei SPD, Saskia Esken, ein Sympathiebolzen, der inzwischen etwas in Vergessenheit geraten ist, forderten, Bens Podcast zu boykottieren, was interessante Gesprächspartner bisher erkennbar nicht abschrecken konnte. Und wenn Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Einladung zu „ungescripted nicht reagierte – Pech für ihn.

Tja, was soll ich sagen?

Ich habe mir heute von Anfang bis Ende das Interview von Herrn Berndt mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew angehört, das mir geradezu schreiend in Ereinnerung rief, warum ich einmal Journalist geworden bin. Nicht einfach zuhören, wenn hanebüchener Unsinn unkommentiert – was noch ginge – aber ohne nachzufragen in die Welt rausgeblasen wird.

Sergej Netschajew ist ein Meister seines Fachs, ein Top-Diplomat, seit 20 Jahren in der DDR, dem vereinten Deutschland und zwischendurch in Österreich im Dienste seines Landes unterwegs. Ein sympathischer Vertreter der Russischen Föderation – ja, das gibt es – der die Welt, wie sein Arbeitgeber sie sieht, bisweilen meisterhaft an Mann und Frau bringt. Zwischendurch hat mich Netschajew an den früheren US-Außenminister Henry Kissinger erinnert: Verbindlich im Ton, hart in der Sache. Fortiter in Re suaviter in Modo – ein Jesuitenparter namens Claudia Acquaviva hat den im 16. Jahrhundert aufgeschrieben, ich kenne diese Weisheit seit der Zeit meines Jurastudiums.

Botschafter Sergej Netschajew ist ein brillanter Vertreter der Interessen des Kreml
Er weiß, was das deutsche Publikum hören will: „Russland hat nicht die Absicht die NATO oder Deutschland anzugreifen“, versichert er, um direkt danach zu drohen, dass Russlands Geduld natürlich auch nicht endlich sei. Drohnenangriff auf den Flughafen in Leipzig? Wenn Russland dahinter gesteckt hätte, wäre das ein spektakuläres Schauspiel geworden…
Aber man liebe die deutsche Kultur und habe immer so schöne Geschäfte miteinander zum gegenseitigen Nutzen gemacht. Und dann erst die vielen Gesprächsformate wie den „Petersburger Dialog“ in Bonn und die Runden Tische mit Experten aus allen möglichen Bereichen.
Wer will das denn alles zerstören, nur weil Russland jede Nacht Städte in der Ukraine, Wohn- und Krankenhäuser, Schulen mit Raketen- und Drohnenangriffen überzieht? Weil wegen der Großmachtphansatien im Kreml inzwischen Hunderttausende Russen und Ukrainer gestorben sind.
Tatsächlich wurde das nicht mit einem einzigen Wort erwähnt in Bens Gespräch mit dem Botschafter. Es kam gar nicht vor. Stattdessen hatte Nstschajew ausführlich Zeit, über die Drohnenangriffe der Ukraine auf – wie er behauptet – „zivile Ziele in Russland“ zu klagen. Berndt ließ es einfach laufen. Auch als der Kreml-Lobbyist erzählte, dass im März 2022 die russische Armee schon vor Kiew stand und sich dann wegen eines Gespächsangebots der Ukraine wieder zurückgezogen habe.
Das ist nicht nur Unsinn, das ist eine dreiste Lüge
So wie es eine Lüge ist, dass die russischen Massaker in Butscha frei erfunden worden seien und der Maidan – Überraschung – sei natürlich ein von den westlichen Staaten orchestrierter Umsturz gewesen. Ja, da hüpft das Herz der Putinfans in Ostdeutschland.
Russland habe Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nie etwas getan, sich immer um gute und freundschaftsliche Beziehungen bemüht, behauptet der Botschafter. Niemand fragt nach dem Tiergarten-Mord und nach dem von russischen Agenten vorbereitetem Anschlag auf den Rheinmatall-Chef. Kein Wort zu Brandsätzen in DHL-Flugzeugen, Sabotage auf Schiffeb der Bundesmarine und Hackerangriffe auf das IT-System des Deutschen Bundestages, die alle klar Russland zuzuordnen sind.
Stattdessen ein netter Märchenonkel, der seine Propaganda unhinterfragt verbreiten kann. Dialog und Journalismus gehen anders.
Das ganze Gespräch hören Sie hier  

Bildquelle:

  • Benjamin_Berndt_ungeskriptet: screenshot "ungeskriptet"

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.