von KLAUS KELLE
BERLIN/NEW YORK – Jeder von Ihnen weiß auch nach 25 Jahren noch, wo er oder sie in dem Moment waren, als sie vom Terrorangriff islamistischer Gewalttäter auf weltbekannte Ziele in den Vereinigten Staaten erfuhren. Es war dieser Moment, in dem Realität und Fiktion innwerhalb von Sekunden zu verschwimmen schienen. Ich saß damals in der Redaktion der BILD, die Ausgabe für den nächsten Tag war mehr oder weniger fertig, als auf den großen Video-Bildschirmen das Grauen Gestalt annahm. Der erste Turm des World Trade Centers in Rauchschwaden gehüllt, bald darauf auch der andere.
Ich rief meine Mutter zu Hause an
„Mama, schalt den Fernseher ein“, brüllte ich fast in den Hörer. „Welches Programm“, wollte sie wissen. „Egal, irgendeins“, meine Antwort. Dann legte ich auf.
Kennen Sie den Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand?“ von 1951? Der 11. September – das war genau dieser Tag, der echte.
Das sieht ja aus wie in Hollywood, dachten intuitiv Millionen Menschen rund um den Erdball, die sich in der Nähe eines Fernsehbildschirms befanden, auf dem CNN flimmerte.
Die perfekt symmetrische Architektur, der tiefblaue New Yorker Spätsommerhimmel, die filmreife Explosion aus orangefarbenem Feuer und pechschwarzem Rauch – es war ein Bild, wie es die Popkultur längst kannte.
Jahrzehnte von Katastrophenfilmen hatten das globale Publikum darauf vorbereitet, das Unfassbare als einen Spezialeffekt zu konsumieren.
Die Terroristen von Al-Qaida hatten mit dem 11. September keine neue visuelle Sprache erfunden, sondern eine bereits existierende Schablone bedient.
Sie begriffen, dass im modernen Zeitalter die psychologische Wirkung eines Anschlags nicht an den physischen Trümmern und der Zahl der Opfer bemessen wird, jedenfalls nicht nur. 9/11 war die Geburtsstunde einer neuen, radikal durchformten Ästhetik des Terrors – ein Epochenwechsel, dessen Ursprünge jedoch weitaus tiefer in der Geschichte liegen und dessen Ausläufer auch heute unsere Wahrnehmung globaler Konflikte prägen.
Und all das begnn nicht an diesem einen Tag, sondern schon während des Vietnamkriegs
Damals waren es unabhängige Fotojournalisten, die mit analogen Kameras die unzensierte Brutalität des Sterbens einfingen, wo doch Hunderttausende junge Amerikaner die Freiheit gegen den Kommunismus verteigen wollten.
Doch als das Foto des nackten, von Napalm verbrannten Mädchens Kim Phúc um die Welt ging oder die Exekution eines Vietcong-Gefangenen durch den Polizeichef auf offener Straße in Saigon fotografiert wurde, brach an der US-Heimatfront der politische Wille zusammen, diesen Krieg noch weiterzuführen.
Vietnam bewies zum ersten Mal, dass ein Krieg im Schneideraum der Fernsehsender und auf den Titelseiten der Zeitungen verloren gehen kann. Wenn der Wille einer Regierung, die sich vor ihrer Bevölkerung rechtfertigen muss, durch die Realität, heutzutage auch durch „Pallywood“-Inszenierungen, gebrochen wird.
Die Mächtigen lernen, damit umzugehen
Während das Pentagon im zweiten Golfkrieg mit „Embedded Journalism“ die Kameras staatlich zähmte, pervertierten Terrororganisationen das Prinzip vollends. Sie wurden zu Regisseuren ihrer eigenen Grausamkeit.
Der Islamische Staat (IS) schnitt Enthauptungsvideos im Stil von Hollywood-Trailern, und der Attentäter von Christchurch streamte seinen Massenmord live aus der Ego-Shooter-Perspektive einer GoPro-Kamera. Der Horror wurde konsumierbar designt, maßgeschneidert für die Algorithmen der sozialen Netzwerke.
Heute erleben wir im Nahostkonflikt die technologische und psychologische Zuspitzung dieser Entwicklung.
Das Phänomen, das unter dem Kampfbegriff „Pallywood“ analysiert wird, beschreibt die systematische Kinematographie des Leids im Gazastreifen. Es geht dabei längst nicht mehr nur um plumpe Fälschungen, sondern um die hochgradig professionelle Instrumentalisierung realer oder inszenierter Tragödien, um eine emotionale Waffe gegen den Westen zu schmieden.
Wenn Aktivisten und Content-Creators vor Ort das visuelle Vokabular von Katastrophen imitieren – mit gezieltem Einsatz von Make-up, dramatischen Kamerawinkeln, weinenden Statisten und perfekt getimten Social-Media-Erzählungen –, bedienen sie exakt die westliche Sehgewohnheit. Das Ziel dieser Ästhetisierung des Opfernarrativs ist glasklar: Der Westen soll durch moralischen Druck dazu gezwungen werden, seine militärische, diplomatische und finanzielle Unterstützung für Israel aufzugeben. Es ist der Versuch, den Vietnam-Effekt im digitalen Raum zu wiederholen. Damals zwangen die Bilder die USA zum Abzug; heute sollen die Bilder Israel international isolieren.
Das Paradoxon dabei ist der Verlust der Wahrheit an sich
Weil das Publikum um die Existenz von Inszenierung, Propaganda und Künstlicher Intelligenz weiß, frisst die Ästhetik des Wahnsinns am Ende die Glaubwürdigkeit der Realität. Wenn jedes Bild potenziell eine Waffe im Informationskrieg ist, führt selbst der authentischste Horror beim Betrachter zu einem lähmenden Generalverdacht. Reale Gräueltaten werden dann vom politischen Gegner als Inszenierung, als Schauspielerei deklariert.
Bildquelle:
- Gedenken_9_11_New York: pixabay/hodgesce13
